Nachdem die Museologin Claudia Fiebach 2018 ihre Arbeit auf der Burg Mildenstein aufnahm, wurde das Ausstellungsstück aus der Kaplanstube genommen. „Es war nicht mehr zeitgemäß, ein Exponat weiter so zu zeigen, zu dem wir nichts weiter hatten als eine ausgedachte Legende über das unglückliche Burgfräulein, aber keine Belege aus fundierten Forschungen.“
Und das sollte sich ändern. „Uns stehen heute ganz andere wissenschaftliche Methoden zur Verfügung, um zu wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen“, so Claudia Fiebach. 2020 wurden umfangreiche Untersuchungen an den Gebeinen in Gang gesetzt, darunter die Radiokarbonmethode, DNA-Tests sowie Isotopenanalyse.
„Ziel war nicht nur, den Fakten um den dort beigesetzten Menschen näherzukommen. Der Beisetzungsort in oder an der Kapelle der Burg legt zum Beispiel nahe, dass die Nähe zu einem christlichen sakralen Raum für die bestattete Person oder ihre Angehörigen damals als wichtig empfunden wurde.“
Im Anthro Lab sollen den Besuchern die neu gewonnenen Erkenntnisse auf zeitgemäße Art vermittelt werden. Dabei ist vieles auf digitalem Wege erforschbar. Bei ihren Laborarbeiten treffen die Besucher zum Beispiel aber auch auf die Anthropologin Dr. Bettina Jungklaus, die das Skelett begutachtet hat.
An anderer Stelle der Präsentation kommt der 79-jährige Leisniger Siegfried Bretsch zu Wort. Als Jugendlicher war er persönlich dabei, als die Knochen im Boden der Burgkapelle gefunden wurden. Nun gehörte Siegfried Bretsch auch bei der Eröffnung vom Anthro Lab zu den offiziellen Gästen.
Der Fund und die ersten Untersuchungen waren begleitet von skurrilen Entdeckungen. Zum Beispiel stammen die zu einem Skelett zusammengelegten Knochen von verschiedenen Menschen.
Wie sich herausstellte, wurde das nämlich nicht vollständig geborgene Skelett zum Zwecke der ersten öffentlichen Präsentation im Burgmuseum mit einzelnen Knochen einer fremden, jüngeren Person vervollständigt – „ein pragmatischer, heute kaum denkbarer Umgang mit Museumsexponaten“, so Fiebach.
Für die wissenschaftlichen Untersuchungen und auch in der Ausstellung Anthro Lab steht heute der Schädel besonders im Fokus. Für die Ausstellung wurde eine 1:1-Replik davon als 3D-Druck angefertigt. Ein Highlight ist die digitale Gesichtsrekonstruktion auf der Basis dieses Schädels mithilfe des „Anthro Lab Scanners“.
Dabei werden die zuvor von den Besuchern gewonnenen Erkenntnisse zusammengeführt, um annähernd das frühere Aussehen der Person zu rekonstruieren. Beim Probieren können verschiedene Frisuren, Bärte sowie Augen- und Haarfarben verändert werden.
„Die Arbeit im Anthro Lab ist ein offener Prozess, so wie auch in der Wirklichkeit noch nicht alle Untersuchungen abgeschlossen und alle Fragen geklärt sind“, so Claudia Fiebach. Wer in dem Labor die Arbeit aufnimmt, setzt sich schrittweise mit einem authentischen historischen Fall um eine Person auseinander, die auf jeden Fall existiert hat. Besichtigt wird der Fundort. Es werden Zeugenaussagen gehört und Lebensdaten wie Alter, Geschlecht und Körpergröße des beigesetzten Menschen bestimmt.
Zuletzt geht es um DNA-Analysen, Isotopenuntersuchungen und Radiokarbon-Datierungen, die Hinweise auf Sterbealter, Herkunft und mögliches Aussehen der verstorbenen Person liefern. An einer Feedbackwand können Gäste ihre Fragen, Gedanken und eigenen Deutungen festhalten. An der Selfiestation gibt es Erinnerungsfotos. Das Anthro Lab öffnet am 25. September, ist Teil des Burgrundgangs und im Eintrittspreis inklusive.und steffi robak