Ihre rote Nase hat sie zum Gespräch mitgebracht. Die 41-Jährige macht sofort einen offenen, redseligen Eindruck. Sobald sie die knallrote Kugel auf ihre Nase setzt, verändert sich etwas in ihrem Gesicht: Auf einmal werden ihre Augen größer, strahlen Aufregung aus. Als wäre sie plötzlich nicht mehr nur Isabel Kalis, sondern noch jemand anderes. „Meine Figur heißt Soda”, verrät sie. So wie das Getränk: Unauffällig, wenn es in der geschlossenen Flasche bleibt, und gelegentlich übersprudelnd. „Die Figur ist eigentlich wie ich. Nur naiver, kindlicher, und mit wenig Scham.”
Die professionelle Komikerin studierte klassischen Gesang an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater. Diesen Karriereweg ließ sie hinter sich, da sie ihn nicht mit ihrem Familienleben vereinbaren konnte. Stattdessen wagte sie den Quereinstieg in das Bestattungswesen, arbeitete als Bestattungsberaterin und ließ sich zur Trauerbegleiterin ausbilden. In diesem Berufsfeld arbeitet sie noch heute in Teilzeit.
Während einer Fortbildung las sie das Buch „Vier minus drei” von Barbara Pachl-Eberhart. Es erzählt die tragische und wahre Geschichte einer Frau, die ihren Mann und ihre beiden Kinder bei einem Autounfall verliert. „Die Protagonistin war Klinik-Clownin”, erklärt Kalis. So wurde sie auf den Beruf aufmerksam. Sie bestellte sich Infomaterial von einer darauf spezialisierten Schule in Hannover. Doch erst Jahre später begann sie dort ihre berufsbegleitende Ausbildung. Sie erlernte das Handwerk: Improvisation, Komik und Spieltechniken. Noch etwas später, bei einem offenen Training am Leipziger Ost-Passage-Theater, lernte sie ein Mitglied des Vereins Clownsnasen kennen. So kam Kalis zu dem Verein, in dem sie sich bis heute engagiert.
„Ich war schon immer impulsiv”, erzählt sie weiter. „Als Soda darf ich hibbelig und tollpatschig sein.” Die Figur habe laut Kalis ihren eigenen Kopf – und ihr eigenes Verständnis von der Welt. Schon während ihrer Ausbildung wusste die Darstellerin: „Mich zieht es zur Kontakt-Clownerie.” Direkte Interaktionen und erschwerte Umstände interessieren sie besonders. „Außerdem kann ich keine Luftballontiere knoten”, gibt sie zu.
Besondere Umstände stehen sind bei ihrer Arbeit an der Tagesordnung. Stünde sie auf der Bühne, würde sie in der Regel mit ausdrucksstarken Kostümen und Gesten auftreten. „In der Klinik haben wir viel weniger Mittel”, offenbart Kalis. In mehrfacher Hinsicht.
„Auf einer Isolationsstation tragen wir kein Kostüm, statt der runden Nase haben wir eine FFP2-Maske auf.” Im weißen Kittel kann man die Narren optisch kaum vom Krankenhauspersonal unterscheiden. „Wir haben Fantasie. Das ist unsere Freiheit”, sagt sie. Den Krankenhauskittel bezeichnet sie dann zum Beispiel als ihre „Festkleidung” für den Anlass oder sie trägt ihn, als wäre sie auf einem Laufsteg bei einer Modenschau. Da die Clowns stets zu zweit im Einsatz sind, können sie aufeinander reagieren. Mal reisen sie zum Mars, ein anderes Mal lassen sie Blumen von der Decke regnen.Dazu kommt, dass Soda in der Klinik manchmal mit Menschen zu tun hat, die kein Deutsch sprechen. Statt mit Sprache holt sie diese mit Humor, Körpersprache und Empathie ab. Ganz stumm bleibt sie nicht. Wenn sie spricht, wird sie beispielsweise in Form von Wortspielen kreativ.
Doch wie bringt man Humor an einen Ort, der alles andere als beschwingt und leicht ist? Tag für Tag erhalten die Patienten bedrückende Nachrichten, kämpfen um ihr Leben oder verlieren es. Den meisten ist nicht nach Witzen zumute. Ob eine Komikerin auf einer Station mit schwerkranken Kindern nicht etwas makaber ist?
Im Gegenteil. Soda passt sich an das Gemüt ihres Publikums an, statt es zu übergehen. Sie bringt eine Leichtigkeit mit, die im Krankenhausalltag schlichtweg nicht da sein kann. Kalis beschreibt den Moment, als ihre Figur eine Bluttransfusion beobachtet hat: „Da habe ich einmal gefragt, warum denn so viel Ketchup in den Körper gepumpt wird und überlegt, was da noch alles rein gehört.” Bei der Patientin und ihren Angehörigen sei die Frage gut angekommen.
Je nachdem, wie der Raum auf sie reagiert, macht sie entweder mehr oder weniger Scherze. „Aber mit schwarzem Humor würde ich nie von selbst anfangen”, ergänzt die Clownin. Das überschreite eine Grenze.
Manche Besuche verlaufen sogar ganz ohne Späße. Sie erinnert sich an eine junge Patientin im Teenageralter. Für sie haben Soda und ihre Kollegin eine Rangliste der schönsten Liebeslieder erstellt und diese gemeinsam angehört. „Musik ist ein Schlüssel”, ordnet Kalis das Erlebnis ein. Besonders seien auch Besuche im Altenpflegeheim. „Die Bewohnerinnen und Bewohner sind uns in ihrer Lebenserfahrung meist weit voraus”, berichtet die Darstellerin. So lernte sie einmal einen Demenzpatienten kennen, der seine Tochter vermisste. Die beiden Klinik-Clowninnen im Einsatz haben gemeinsam einen Brief an sie geschrieben.
Hin und wieder kommt es vor, dass jemand die Clowns nicht bei sich im Zimmer sehen möchte – und das deutlich zeigt. „Ich finde das gut. Wenn man uns abweist, ist das für die Patientinnen und Patienten ein Moment der Selbstermächtigung.” Immerhin haben diese zwischen all ihren Untersuchungen und Behandlungen kaum die Möglichkeit, über sich selbst zu bestimmen. Was für ihre körperliche Gesundheit notwendig ist, kann sie psychisch dennoch belasten. Wenn Kalis und ihr Team kommen, dürfen sie so reagieren, wie sie wollen: „Wir sind Gefühlsjongleure”, so Kalis, „wir haben keine Erwartungen”.
Der Verein ist mit insgesamt zehn Clowns an zehn Orten im Einsatz. Unter anderem im Kinderhospiz Bärenherz in Markkleeberg, an den Kinderstationen im Helios Klinikum Erfurt und am Universitätsklinikum Halle. An der Universitätsklinik in Leipzig steht maximal einmal in der Woche ein Besuch an, vorwiegend nachmittags.
Isabels, und damit Sodas, Arbeitseinsatz beginnt mit einem Übergabegespräch mit den pädagogischen Mitarbeitenden im Klinikum. Hier besprechen sie die Lage auf der Station. Anschließend ziehen die Clowns ihre Verkleidungen an und spielen zwei Stunden lang. Zum Abschluss führt Kalis mit ihren Kolleginnen und Kollegen ein Protokoll über den Besuch: Was hat gut funktioniert, was weniger? Steht ein besonderes Ereignis an, zum Beispiel ein Geburtstag? Solche und weitere Details werden für die Duos festgehalten, die als nächstes zu Besuch auf der Station sind.
Nach einigen Jahren Berufserfahrung erinnert sie sich noch gut an ihren ersten Eindruck von der Arbeit im Krankenhaus, das war 2021. Damals lernte sie die Kinderonkologie am Universitätsklinikum Leipzig kennen. „Das macht was mit einem”, erinnert sie sich. Als vierfache Mutter sah sie sich konfrontiert mit ihrer eigenen Angst. Bis heute ist sie gerührt von Schicksalsschlägen, die auf dieser Station unausweichlich passieren. Daran wächst sie und entwickelt sich immer weiter, als Mensch und als Clownin.
Denn die Figur Soda begleitet Isabel Kalis stets im Alltag. Sie zeigt ihr damit auch andere Perspektiven. Und wenn sie dafür nur durch die rote, runde, kleinste Maske der Welt blickt.Sonja GaranDer Verein Clownsnasen ist dankbar über jede Spende, die die Arbeit mitfinanziert. Diese können an das folgende Konto überwiesen werden:
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