Vom Geburtshelfer zum lebenslangen Freund
Sebastian Schorr über seinen Weg in den Leipziger Zoo, seine Erlebnisse mit den Orang Utans und eine leidenschaftliche Herausforderung

Unterwegs im Regenwald: Der Leipziger Tierpfleger und Orang-Utan-Freund Sebastian Schorr war vor Ort in der Lebenswelt der Menschenaffen unterwegs.Foto: privat
Leipzig. Richtig, richtig spannend war es immer, wenn seine beiden Cousins von ihrer täglichen Arbeit als Tierpfleger erzählten – daran kann sich Sebastian Schorr noch ganz genau erinnern. „Das machte mir richtige Lust, mal in ihre Fußstapfen zu treten und ich bin heute noch von dem Entschluss beseelt“, erzählt der Leipziger. Also gesagt, getan: Nach der Schule startete er 1988 seine Lehre als Tierpfleger im Leipziger Zoo begann und landete beim Team der Orang Utans. Ein – nun ja – Zufall, der bis heute sein Leben bestimmt. Etwa als Vorsitzender des Vereins „Orang Utans in Not“ ...

Da war er damals, ganz neu im Zoo, der junge Sebastian Schorr. Neugierig und gespannt, ständig mit offenen Augen und Ohren, damit er ja nichts verpasste. Gut so – denn so war er nach ein paar Monaten bei einem Ereignis dabei, das noch heute so lebendig in ihm steckt, „als sei es gestern gewesen“, wie er sagt. Er war dabei bei der Geburt einer Affendame, die Pini genannt wurde: Da habe er sehr aufmerksam beobachtet, wie die Tierpfleger sie dabei unterstützten.

Nach vielen Jahren sollte sich da ein Kreis schließen: Die noch junge Pini brachte unter komplizierten Bedingungen ein Mädchen zur Welt und diesmal war Sebastian Schorr ihr Geburtshelfer. Schon nach Tagen erlebte er, wie liebevoll sich die junge Mutter um ihre kleine Padana kümmerte. Ach ja – beide erfreuen sich mit ihren Artgenossen noch heute im Leipziger Zoo ihres Lebens.

Und so fügte sich eins zu anderen: Jahre nach seiner Lehre – die er mit Bravour absolvierte – delegierte ihn der Leipziger Zoo ein halbes Jahr zum Partnerzoo nach Vietnam. Und dies dann auch gleich dreimal. Da gab Sebastian Schorr seine Erfahrungen bei der Ernährung und Pflege weiter. Zeigte, wie kleine Äffchen, die keine Mutter mehr hatten, mit der Hand aufgezogen werden können. Ach, diese vielen Erfahrungen! Von denen erzählte er natürlich seinen Leipziger Kolleginnen und Kollegen. Von der Freude und Dankbarkeit der vietnamesischen Kollegen. Natürlich auch davon, wie er auf eigene Faust seine Lieblinge – klar, die Orang Utans! – in Sumatra während eines Urlaubs besuchte. „Das war für mich so bezaubernd, die Orang Utans, die uns Menschen so erstaunlich ähneln, erstmals in freier Wildbahn zu erleben“, erinnert er sich.

Und so war es auch ganz klar, dass Sebastian Schorr vor 19 Jahre Vereinsmitglied wurde – und zwar, als er von dem gemeinnützigen Verein „Orang Utans in Not“ erfuhr, der sich Ende 2007 in Leipzig gegründet hatte. Mit dem Ziel, sich um den Schutz und Erhalt der letzten freilebenden Orang Utans in Borneo und Sumatra mit zu kümmern. Auch so ein ganz wichtiger Schritt: Mit großer Hochachtung spricht er von der Vereinsvorsitzenden Dr. Julia Cissewski. Von ihrem fachlichem Wissen in der Primatenforschung, von ihrem Elan, mit dem sie die an die 200 Mitglieder ansteckte, um Projekte vor Ort und bei uns die Umweltbildung zu unterstützen.

So entstand auf Sumatra ein weltweit einzigartiges Objekt, der so genannte Orangutan Haven: Das ist ein umfangreiches Gehege, auf dem alte Tiere – blind oder schwerst behindert und damit nicht mehr für ein Leben in der Wildnis gerüstet – auf begrünten Inseln mit Bäumen, Seilen und Nest-Plattformen gehegt und gepflegt werden. Und dieser Haven – auf deutsch Oase – ist aber noch weit mehr, nämlich auch ein Bildungszentrum. Er sensibilisiert die Menschen für die Bedrohung des Regenwaldes, vermittelt Wissen zur Artenvielfalt und des Klimawandels, zeigt konkrete Handlungsoptionen auf. Die nachhaltige Architektur aus Bambus setzt Maßstäbe im ökologischen Bauen.

Es entstand auch eine Auffangstation in der Nähe von Medan (Sumatra), in denen Affen-Waisen, die bei Familien lebten, oder im Regenwald gefunden wurden, untergebracht und auf ein Auswilderung vorbereitet werden. Auch die 45 000 Bäume, mit denen Regenwald zum Beispiel im Lamandau River Wildlife Reserve auf Borneo aufgeforstet werden, gehören zu den Projekten des Vereins. Und in der Heimatstadt Leipzig veranstaltet man Projekttage und -wochen an Kindergärten und Schulen, bietet kostenloses Lehrmaterial, hält Vorträge, sammelt Spenden. Die beispielsweise im Jahre 2023 inklusive von Fördermitteln stattliche 525 000 Euro einbrachten, wie Projektmanager Markus Menke erzählte. Und dann passierte Anfang Januar 2025 etwas Unglaubliches, geradezu Schockierendes: Dr. Julia Cissewski – die Vereinsvorsitzende und Wissenschaftlerin im Max Planck Institut, mitten im Leben stehend – starb ganz plötzlich. Alle im Verein „Orang Utans in Not“ waren einfach fassungslos. Sebastian Schorr erging es ebenso. „Ich habe es bis heute nicht verarbeitet. Weshalb ist die große Affenschützerin so zeitig von uns gegangen? Sie hat so viel bewegt, so viele Projekte zum Schutz der Orang Utans in Gang gebracht. Ich kann nur versuchen, in ihren übergroßen Fußstapfen zu bestehen.“

Dies sagt Sebastian Schorr als jener Mensch, der nun im Verein das Sagen hat. Und zwar als der von allen Mitgliedern gewählte Vorsitzende. Eine Herausforderung und eine Erfüllung zugleich: Vor Monaten besuchte er die vom Verein unterstützten Hilfsprojekte auf Sumatra, war im Regenwald, „flirtete“ mit Orang Utans, ging von Dorf zu Dorf und freute sich, wie die Kinder auf die Umwelt achten, die Farmer nachhaltiger wirtschaften, gegen die Waldrodung aufstehen.

Wer eine Reise macht, hat viel zu erzählen – auch so eine Aufgabe, die er richtig ernst nimmt: Deshalb er schon im März über diese Reise berichtet, vor den Freunden des Leipziger Zoo. Und ein nächster Termin steht auch schon fest (der zeigt, wie weit die Aktivitäten des Vereins über die Stadtgrenzen der Messestadt hinaus reichen): Am 19. August, zum Welttag der Humanitären Hilfe wird er im Rostocker Zoo über seine Erlebnisse berichten.

Manchmal kreisen seine Geschichten auch im eher kleineren Kreis. Im Gondwanaland zum Beispiel – denn seit Eröffnung der Tropenhalle im Leipziger Zoo ist der Tierpfleger unter dem markanten Dach mit großer Freude tätig. Und ab und an sagt er mal „Hallo“ bei Pini und Padana, den beiden Damen im Affenhaus. Denn die Beiden – Mutter und Tochter – seien ihm aus genannten guten Gründen richtig ans Herz gewachsen.

Das Schöne dabei: Auch die Lebensgefährtin Pauline kann Sebastian Schorr völlig verstehen kann. Denn sie arbeitet selbst im Leipziger Zoo. Und ist deshalb genauso drauf wie er. Diese Harmonie gibt es dann auch im Privaten: Wenn sich dann „ihr“ Sebastian gern mal die Kochschürze umbindet, um Vegetarisches oder eine Pizza zuzubereitent, ist das für sie immer eine echte Sternstunde. Und im Urlaub da gehts an die Ostsee oder nach Australien – zum Wandern und Klettern hat man die Natur in Leipzig beinahe vor der eigenen Haustür. Ebenso wie zum Fahrradfahren die Leipziger Seen. Immer mit dabei hat Sebastian Schorr dann seine Kamera: Eine spätere Erinnerung an Erlebtes, das hat schon was für sich.

Letzte Frage: Und was steht bei ihm zum Sonntagsfrühstück auf dem Tisch? „Ein gekochtes Ei, Brötchen und eine Tasse schwarzer Tee.“

und Traudel Thalheim

Infos:

www.orang-utans-in-not.org



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