Ein Leben inder Kleinstadt
60 Jahre nach ihrer Einschulung trafen sichin Leisnig 40 Frauen und Männer

Leisnig. Was bewegt Menschen, die sich 60 Jahre nach ihrer Einschulung wiedersehen? Was verbindet sie – und welche Wege sind sie seitdem gegangen? Und warum kommen einige immer zu Klassentreffen, während andere fast nie erscheinen? Ein verbreitetes Klischee besagt: Es kommen nur die, die „es zu etwas gebracht haben“. Doch stimmt das wirklich?

Unlängst trafen sich die Klassen A bis D der ehemaligen Hans-Beimler-Oberschule Leisnig zu ihrem 60-jährigen Einschulungsjubiläum im Café Gitt. Schon in den ersten Momenten wurde deutlich: Um Status und Erfolg geht es längst nicht mehr. Wer heute Mitte sechzig ist, blickt auf ein ganzes Berufs- und Familienleben zurück und gewöhnt sich langsam an den Ruhestand.

Während einige noch verkürzt arbeiten, widmen sich andere längst ihren Hobbys – gärtnern, reisen oder kümmern sich um Enkel und Familie. Die Stimmung ist herzlich. Es wird viel gelacht, alte Fotos machen die Runde. Schon bald steigt der Geräuschpegel im Café so sehr, dass man genau hinhören muss, wenn das Gegenüber aus seinem Leben erzählt. Viele sind in der Region geblieben, haben ihre Heimat nie verlassen. Andere sind zurückgekommen oder von weit her angereist – aus Niedersachsen, Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Sie gingen Ende zwanzig oder später, zur Wendezeit, um anderswo Arbeit zu finden und sich eine Existenz aufzubauen. Was alle eint, ist die gemeinsame Kindheit und Jugend: die Disko im längst abgerissenen Leisniger Johannistal oder im Flemminger Hof in Hartha, die Busfahrten zu Tanzveranstaltungen und der kilometerlange Heimweg, wenn nachts nichts mehr fuhr.

Zehn Jahre Unterricht mit denselben Klassenkameraden – das prägt. „Weißt du noch?“ Dieser Satz fällt immer wieder. Man konnte sich aufeinander einlassen, kannte sich oft seit dem Sandkasten. Man lernte, dass Menschen unterschiedliche Voraussetzungen und Talente haben. Dass Konflikte nicht in Gewalt enden müssen. Und dass es selbstverständlich ist, einander zu helfen – ohne dass dies von außen organisiert werden muss.

Waren bei früheren Klassentreffen noch Lehrer dabei, so wird heute vor allem an sie erinnert - als Respektspersonen, die oft nur einen Blick brauchten, um Ruhe einkehren zu lassen. Erinnerungen gibt es auch an die Noten, die man akzeptierte, ohne sie infrage zu stellen. Und an Verabredungen, die ganz ohne Telefon oder Handy funktionierten – weil man sich aufeinander verlassen konnte.

Ein Leben in der Kleinstadt – ob in der DDR oder danach – hatte immer auch etwas Beschauliches. Man kannte sich, fühlte sich verbunden. Dieses Gefühl von Gemeinschaft wird hier wieder spürbar.

Umso schöner ist das Wiedersehen. In drei Jahren will man sich erneut treffen, beschließen die ehemaligen Mitschüler. Dankbar sind sie vor allem für den harten Kern: Drei von ihnen kümmern sich seit Jahren um die Organisation, recherchieren Adressen, gleichen Telefonnummern ab, verschicken Briefe und Nachrichten – und sorgen so dafür, dass diese Erinnerungen lebendig bleiben.und Elke Walter-koch
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