Artenvielfalt erleben
Harald Baber schafft im KGV „Früh auf“ ­Selben einen ­Lebensraum für ­Insekten – und wirbt für einen anderen Blick auf den Garten

Harald Baber hat auf einer leerstehende Parzelle im Kleingartenverein „Früh auf" Selben eine Wieldblumen­wiese für Insekten angelegt.Fotos: privat
Selben. Wenn Harald Baber auf der Bank in seinem Projektgarten sitzt, gibt es für ihn viel zu entdecken. Er schaut auf Gräser und Wildblumen, beobachtet fasziniert das Leben dazwischen und hofft, etwas zu sehen, das er noch nicht kennt. Für ihn ist der Garten ein Ort der Auszeit – und einer, der seine Neugier wachhält.

Wer ordentlich gezogene Gemüsereihen und kurz geschnittenen Rasen erwartet, findet auf dieser Parzelle ein anderes Bild. An einigen Stellen steht das Gras hoch, dazwischen wachsen Wildkräuter. Kleine Flecken mit sandiger Erde bleiben offen, auch ein Baumstumpf hat seinen Platz. Was auf den ersten Blick unaufgeräumt wirken mag, gehört hier zum Konzept: Raum schaffen für mehr Artenvielfalt.

„Artenvielfalt erleben“ heißt das Projekt, das Baber 2024 im Kleingärtnerverein „Früh auf“ Selben begonnen hat. Rund 600 Quadratmeter umfasst die zuvor seit Jahren ungenutzte Fläche. Nach Zustimmung des Landratsamtes und des Vereinsvorstandes kann sie zunächst für drei Jahre für das Vorhaben genutzt werden. Mit dem Vorstand schloss Baber dafür einen Vertrag ab.

Den Anstoß gab unter anderem das Projekt „iNUVERSUMM – Raum und Zeit für Insekten“. Das ist ein Kooperationsprojekt vom Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft, dem Senkenberg Museum für Tierkunde Dresden und dem Deutschen Verband für Landschaftspflege (DVL) – Landesverband Sachsen.

Zudem weckte eine Online-Schulung sein Interesse. Ein Workshop in Bautzen vermittelte ihm fachliche Grundlagen für die Umsetzung. Aus der Idee wurde ein Vorhaben in einem Verein, mit dem Baber seit Jahrzehnten verbunden ist: Seit 1986 ist Harald Baber Kleingärtner, hat den Garten seiner Eltern übernommen.

Mit dem Projektgarten möchte er Lebensraum für Tiere schaffen, die ihm früher häufiger begegnet sind. Als Beispiel nennt er den Schwalbenschwanz. „Diesen Arten möchte ich mit diesem Garten wieder ihren Lebensraum zurückgeben“, sagt er. Auch Bläulinge, Wildbienen und Rosenkäfer hat er dabei im Blick. Sein Wunsch ist, dass solche Gartenbesucher nicht immer seltener werden.

Bis die Fläche die erhoffte Wirkung zeigte, brauchte es nach seiner Einschätzung etwa zwei Jahre. Und es brauchte mehr als Abwarten. „Artenvielfalt kommt nicht von allein und auch nicht ohne Hilfe“, sagt Baber. Er ließ vieles wachsen, beobachtete die Entwicklung und griff zugleich regulierend ein. Unter anderem pflanzte er Schlehe, Weißdorn und Weide. Eine gesetzte Wildrose ging ein – auch solche Rückschläge gehören zu seinen Erfahrungen.

Gemäht wird mit der Sense. Einen Rasenmäher möchte er auf der Wiese nicht einsetzen: „Dann mache ich nur alles kaputt.“ Wie viel Kraft die Arbeit von Hand kosten kann, zeigte sich beim Mähen des dichten Bewuchses. Hilfe kam aus der Dorfgemeinschaft, durch deren Unterstützung ein großer Teil des Schnittguts als Heu weiterverwendet werden konnte.

Auch andere Schwierigkeiten mussten bewältigt werden. Neben finanziellen und bürokratischen Fragen machten Nagetiere und starkes Pflanzenwachstum Schutzmaßnahmen nötig. Der Garten wurde so nicht nur zu einem Lebensraum für Insekten, sondern auch zu einem Lernort für seinen Initiator.

In seinen Aufzeichnungen beschreibt Baber die Pflanzenvielfalt auf der Fläche. Mehr als 20 Arten wurden festgestellt, darunter Margeriten und roter Mohn. Bei den Insekten blieb manche Hoffnung zunächst unerfüllt. Nicht jede neu angesiedelte Pflanze zog sofort die erhofften spezialisierten Arten an. Geduld und genaues Beobachten gehören deshalb für ihn zum Projekt.

In diesem Jahr konnte Baber dann erstmals eine Vielzahl unterschiedlicher Insekten im Projektgarten beobachten. Zu seinen Entdeckungen zählen Rosenkäfer, Streifenwanze, Sechsflecken-Widderchen und Schachbrettfalter ebenso wie Pinselkäfer, Ameisensackkäfer, gemeiner Schenkelkäfer, kleiner Halsbock, gehörnte Mauerbiene und Erdhummel. Auch den Schwalbenschwanz, dem er mit dem Garten wieder Lebensraum geben möchte, konnte er beobachten.

Die gewachsene Insektenvielfalt führt Baber auf das größere Angebot an Blüh- und Futterpflanzen zurück. Ihn begeistert, was dieses Zusammenspiel hervorbringt – und was die Natur vermag, wenn man ihr den nötigen Raum lässt. Jede neue Beobachtung ist für ihn auch ein Anreiz, weiter hinzusehen und dazuzulernen.

Diese Freude möchte er mit anderen teilen. Baber wünscht sich, dass sich mehr Menschen mit Artenvielfalt beschäftigen. Dabei erinnert er auch an die Bedeutung der Insekten für die Bestäubung von Obst und Gemüse. Weil im Verein weitere Parzellen leer stehen, kann er sich einen zweiten Projektgarten vorstellen.

Fördermittel des Landesverband Sachsen der Kleingärtner wurden für den Projektgarten bewilligt. Dennoch bleibt für Baber die Frage, wie sich ein solches Vorhaben langfristig erhalten lässt. Fehlende Unterstützung und bürokratische Hürden könnten engagierte Menschen ausbremsen. Sein Ziel ist es daher, Erfahrungen zu sammeln, weiterzugeben und die Fläche dauerhaft zu bewahren.

Dabei geht es ihm um mehr als die Zahl der Pflanzen oder die Namen der beobachteten Insekten. Es geht um das genaue Hinsehen, um Entdeckungen und um die Freude an einer Entwicklung, die Zeit braucht. „Das Erkennen, Beobachten, Lernen und Wertschätzen einer solchen Entwicklung tut unserer Seele gut“, schreibt Baber. „Und das haben wir alle bitter nötig.“

und Nannette Hoffmann











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