Gartenglück am Randedes Industriegebietes
Titelgeschichte: In Nachbarschaft des Industriegebiets Böhlen-Lippendorf ackern Kleingärtnerder Sparte Sonnenschein. Bleibt trotz belasteten Bodens das Gießwasser sauber?

Böhlen. Tina Loth liebt ihren Garten in der Sparte „Sonnenland“ in Böhlen. Schon als Kind verbrachte sie ihre Freizeit mit den Eltern auf dieser grünen Scholle. „Ich bin hier quasi aufgewachsen“, meinte die 36-Jährige. Und auch heute noch sei ihr Garten ein schönes Stück Leben.Die Anlage in der Karl-Bartelmann-Straße ist nicht weit entfernt vom Industriegebiet Böhlen-Lippendorf. Unter diesem Werksgelände wabert noch immer eine giftige Fracht. Boden und Grundwasser sind durch Kriegsfolgen, Havarien und jahrzehntelange Produktion auf Teufel komm raus zu DDR-Zeiten massiv mit Schadstoffen belastet. Deren Bekämpfung hat als sogenanntes Ökologisches Großprojekt Böhlen seit 1995 bereits Dutzende Millionen Euro verschlungen. Es gilt als größte Altlast in Sachsen. Seit Jahrzehnten ist Schadensbegrenzung angesagt. Aschebecken wurden verfüllt, Ablagerungen unschädlich gemacht, Drainagen verlegt, Tausende Liter auf dem Grundwasser schwimmendes Öl abgeschöpft.

Was bedeutet das für die vier Gartensparten im nahen Städtchen Böhlen? Kann man unbedenklich Tomaten und Gurken gießen? „Sorgen machen wir uns nicht“, sagt Tina Loth, die seit vier Jahren Vereinsvorsitzende ist. „Wir benutzen kein Brunnenwasser.“ Brunnen zu bohren sei nicht gestattet. Gegossen wird vor allem mit aufgefangenem Regenwasser oder eben Wasser aus der Leitung.

Das bestätigt die Landkreisbehörde. Im Ökologischen Großprojekt Böhlen werde das Grundwasser mit mehr als 100 Messstellen beobachtet und auf Schadstoffe analysiert. Nach diesen Erkenntnissen sei nicht bekannt, dass belastetes Grundwasser in Richtung der Kleingärten ströme.

„Dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass kleinräumige, uns unbekannte Schadstoffeinträge in der Vergangenheit dazu geführt haben, dass das Grundwasser punktuell belastet sein kann“, sagte Landkreis-Sprecherin Belinda Reg’n. In der Gartensparte, die in unmittelbarer Nähe des Industriegebietes liegt, gebe es keine Brunnen.

Generell sind Brunnen bei der unteren Wasserbehörde anzeigepflichtig. In diesem Verfahren wird unter anderem geprüft, ob im Bereich der Bohrung Altlasten vorhanden sind. Und wenn ja, werden Beprobungen des Brunnenwassers empfohlen, je nach Nutzung auch mehrfach.

Auch mit der Altlast nebenan und ohne Brunnen ist das „Sonnenland“ außerordentlich beliebt. „Wir haben 50 Gärten und sind komplett ausgebucht“, sagte die Vereinsvorsitzende. Das ist selten: Viele Sparten im ländlichen Raum klagen über Leerstände. „Wenn bei uns etwas frei wird, findet sich über Hören und Sagen schnell jemand, der den Garten übernimmt“, berichtete sie.

Manche Bürger sorgen sich, dass belastetes Grundwasser auch aus dem Wasserhahn kommen könnte. Doch die Qualität des Trinkwassers wird aufwendig geprüft – es gilt als das am strengsten und häufigsten kontrollierte Lebensmittel in Deutschland. Die 7000-Einwohner-Stadt Böhlen erhält ihr Trinkwasser vom Wasserwerk Kesselshain bei Borna sowie von der Fernwasserversorgung Elbaue-Ostharz.und Claudia Carell
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