Dass sich ausgerechnet das nur 1,5 Hektar kleine Gewässerstück als Achillesferse für die touristische Entwicklung der gesamten Region erweisen und dessen Sperrung die lokale Wirtschaft unter Druck setzen soll, wird mitunter bezweifelt und wirft Fragen auf. Fragen, die vor allem durch die immensen Kosten für die Wiederherstellung des beschädigten Kanals und seiner Schleuse befeuert werden.
Momentan wird die Sanierung der seit März 2021 gesperrten Gewässerverbindung auf mindestens 17 Millionen Euro beziffert. Mehr als das Doppelte der bis zur Eröffnung im Jahr 2013 investierten Baukosten, die sich auf etwa 7,2 Millionen Euro beliefen. Ist es das wirklich wert? Wer braucht die Verbindung überhaupt und welche Folgen hat die Sperrung bisher? Die LVZ sprach mit Akteuren, touristischen Anbietern und Anrainern.
Franziska Böhm leitet am Markkleeberger See den Wassersport-Standort von All on Sea. Hier werden Boote aller Art sowie Surfbretter verliehen, Kurse angeboten und auch Events am Wasser veranstaltet. „Wir können den See zwar auch ohne den Kanal nutzen“, sagt sie, „aber ein funktionierender Gewässerverbund eröffnet uns viel mehr Perspektiven.“
Seit der Sperrung des Kanals verzeichne sie hier am Markkleeberger See deutlich weniger Paddelverkehr als zum Beispiel im Gewässerverbund an Pleiße und Cospudener See. Die Einbußen beziffert sie auf etwa 20 Prozent. Mindestens ebenso schwer wiegt für Böhm die unsichere Perspektive. „Mit einem intakten Kanal ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass der geplante Hafen am südwestlichen Ende des Markkleeberger Sees gebaut wird. Das wäre perfekt für unsere Segelsparte.“
Den Störmthaler Kanal, insbesondere die schiffbare Schleuse, hält sie außerdem für ein Aushängeschild, das für den Tourismus im gesamten Neuseenland wirbt. „Es ist ein Wahrzeichen, von dem alle Akteure an den Seen profitieren.“ Nicht allein die einzelnen Seen seien das besondere Merkmal der Region, sondern der Verbund dieser Gewässer. „Und der muss intakt sein“, fordert Böhm.Ähnlich argumentiert auch Wilfried Meyer. Der Geschäftsführer der Personenschifffahrt im Leipziger Neuseenland hatte vor der Sperrung des Kanals drei Ausflugsdampfer zwischen Störmthaler und Markkleeberger See im Wasser. „Das Befahren bei einer dreistündigen Schifffahrt mit Kanalpassage und Schleusung sowie Informationen zur Umgebung und Nutzung der Bordgastronomie waren so beliebt, dass der Kanal für uns eine Art Lebensversicherung ist“, blickt er zurück.
Meyers Betriebsleiter Stephan Mann berichtet, dass er auch fünf Jahre nach der Sperrung täglich gefragt werde, wann die Fahrt zwischen beiden Seen endlich wieder möglich ist. „Die Auswirkungen sind gravierend für die Personenschifffahrt“, betont er. Verluste von 40 Prozent hätten dazu geführt, dass Personal abgebaut und das eigens für die Schleusenfahrt gebaute MS „Störmthal“ verkauft werden musste. Ebenso wie sein Chef fordert Mann eine schnelle Wiederherstellung der Verbindung. „Die ist für uns überlebenswichtig!“
Die kommunale Entwicklungsgesellschaft für Gewerbe und Wohnen (EGW) ist am Markkleeberger See Betreiberin von Tourismus- und Freizeitangeboten wie dem Kanupark, dem Kletterpark, der Adventure-Golf-Anlage und dem Steinerlebnisplatz. Außerdem ist sie für die Bewirtschaftung der gesamten Infrastruktur am Markkleeberger See verantwortlich.
Geschäftsführer Christoph Kirsten räumt ein, dass die EGW nicht direkt betroffen ist, da das Unternehmen sozusagen an Land agiert. „Aber indirekt ist der Schaden für uns wesentlich größer, da sich die Potenziale der beiden Seen nicht entwickeln können“, klagt er.
Im Leipziger Südraum, so Kirsten, waren „der Markkleeberger und der Störmthaler See das erste Seenpaar – mit entsprechend überregionaler Strahlkraft.“ Der Verlust dieses Merkmals wirke sich auch auf die Nachfrage nach den Freizeitangeboten der EGW aus. Doch nicht nur das. „Bei der Sanierung des Kanals geht es nicht nur um die Wiederherstellung der touristischen Attraktivität, sondern um die Wiederbelebung des Grundgedankens des Gewässerverbundes“, macht Kirsten deutlich. Dies halte er nicht zuletzt im Hinblick auf die Eröffnung des Leipziger Stadthafens für dringend geboten.
Für sich allein sollte ein schwimmender Veranstaltungsort wie Vineta eigentlich schon genügend Attraktivität entfalten. Trotzdem blickt auch Rüdiger Pusch besorgt auf die Lage am Kanal. Der Chef des Krystallpalast Varieté Leipzig, das die schwimmende Kirche mitten im Störmthaler See seit 2011 betreibt, beziffert die durch die Kanalsperrung entstandenen Verluste auf rund 15 Prozent.
Nicht die Besucherzahlen bei seinen Veranstaltungen treiben ihn dabei um, sondern eher das, was man in einer Innenstadt als Laufkundschaft bezeichnet. „Durch die seit der Kanalsperrung neu gefahrenen Rundfahrten der MS Markkleeberg ist eine direkte Konkurrenz zu unseren Vineta-Touren entstanden“, hat er festgestellt. „Das war vorher mit den ohnehin immer ausgebuchten Schleusentouren nicht der Fall.“ Konnte man vorher mit einem Schiff die Attraktionen auf beiden Seen anfahren, teilen sich die Touristenströme jetzt. Wer auf dem Markkleeberger See einsteigt, gelangt nicht zu Vineta.
Außerdem ist die schwimmende Kirche zwar noch immer ein Leuchtturm im Neuseenland, aber besser sind zwei, die voneinander profitieren, meint Pusch. „Das zieht eine deutlich höhere Besucherfrequenz und mediale Aufmerksamkeit nach sich.“ Auch er fordert deshalb eine Kanalsanierung und erinnert an die ursprüngliche Vision: „Der Gewässerverbund muss das Ziel bleiben, von Störmthal nach Hamburg.“
Fünf Jahre nach der Sperrung des Kanals ist der Ton zuletzt auch auf kommunalpolitischem Parkett schärfer geworden. Denn sowohl die Höhe der Sanierungskosten als auch die Aussicht, dass es bei den aktuell kolportierten 17 Millionen Euro wohl nicht bleiben wird, nähren die Befürchtungen einer sprichwörtlichen Beerdigung der Gewässerverbindung.
Gegenüber der LVZ stellt sich Landrat Henry Graichen (CDU) diesem Szenario mit ungewöhnlich deutlichen Worten entgegen. Adressiert an den Bauherren, die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbauverwaltung (LMBV), warnt er: „Den Harthkanal hat der Bergbausanierer bereits aufgegeben. Sollte der Störmthaler Kanal ebenfalls aufgegeben werden, verabschiedet sich die LMBV gänzlich von einem verlässlichen Bergbausanierer mit Weitsicht, Gestaltungswillen und verantwortlichem Umgang mit Steuergeldern.“
Auch im Hinblick auf rückläufige Übernachtungszahlen in der Region warnt Graichen: „Die Investitionen in die Beherbergungsbetriebe und Freizeitangebote an beiden Seen sind unter der Voraussetzung eines funktionierenden Kanals getätigt worden. Dieses Vertrauen und die wirtschaftliche Basis wären zerstört.“
Eine jüngst vorgelegte Studie hat ergeben, dass Kanal und Schleuse aus technischer Sicht sanierbar sind. Wann und wie das erfolgen kann und vor allem, wer die Kosten trägt, ist noch unklar. und Rainer Küster