Im Vorfeld war nicht ganz klar: Findet sich für die Problem-Immobilie überhaupt ein Käufer? Schrecken eingeschlagene Fenster und Türen eher ab? Oder taugt der robuste DDR-Bau zum Immobilien-Poker?
Obwohl das 40-seitige Gutachten am Apart-Hotel kein gutes Haar lässt, ist das Interesse an dem einstigen Arbeiterwohn-Hotel groß. Als Rechtspflegerin Stranz pünktlich um 10 Uhr den Termin eröffnet, füllen 23 Besucher die Stuhlreihen. Leute, die nur neugierig sind, sitzen neben gut vorbereiteten Geschäftsmännern mit ernsthaften Absichten. Sogar ein Kind ist dabei. Der vormalige Eigentümer des Apart-Hotels, Wolfgang Seifert, hat den Weg aus Berlin nach Leipzig auf sich genommen: „Ich habe noch kistenweise alte Bauakten, die ich dem neuen Besitzer gern übergeben würde.“
Zunächst geht es um Formalien: Die Anwesenden werden über die Spielregeln aufgeklärt. Die Rechtspflegerin bittet die Akteure, vorzutreten und sich auszuweisen. Darunter den Böhlener Bürgermeister Dietmar Berndt (parteilos), der die Stadt vertritt.
Die Kommune hatte die Zwangsversteigerung beantragt und das Verfahren ins Rollen gebracht. „Seit Jahren laufen wir unserem Geld hinterher. Die Zwangsversteigerung war der einzige Weg, den wir noch gesehen haben.“ Andere Beteiligte haben ebenfalls Forderungen – und zwar in erheblicher Höhe.
So ein Zwangsversteigerungstermin entblättert die Eigentümerin gnadenlos. Es dauert geschlagene acht Minuten, bis die Gerichtsvertreterin sämtliche Schulden und Zwangshypotheken vorgelesen hat, die auf dem Grundstück Am Ring lasten.
Eigentümerin der Skandal-Immobilie ist die Böhlen Liegenschafts GmbH & Co. KG mit Sitz in Berlin. Die war zuletzt für die Gläubiger nicht greifbar. Auch die Stadt Böhlen scheiterte an den undurchsichtigen Besitzverhältnissen, als sie jahrelang versuchte, Steuerschulden einzutreiben. Mit allein 2,5 Millionen Euro ist eine LRC Real Estate Limited mit Sitz auf Zypern größter Gläubiger. Deren Anwalt verfolgt das Geschehen im Saal ebenfalls.
Während die Zuhörer noch die üppigen Summen verdauen, mit denen die Berliner Firma bei Geschäftspartnern, Zweckverbänden, Notaren und Anwälten in der Kreide steht, geht es auch schon ans Eingemachte.
Das Mindestgebot liegt bei 67.500 Euro. Schnell wird klar: Heute geht etwas in Saal 101. Während andere Objekte jenseits der Leipziger Stadtgrenzen schon mal wie Blei in den Regalen liegen, weckt die Böhlener Immobilie unerwartete Begehrlichkeiten.
Das erste Gebot lautet schließlich auf 100.000 Euro – abgegeben von Frieder Düsterer, Inhaber des Immobilienunternehmens PCR aus Neu-Ulm, der bereits in Kitzscher marode DDR-Plattenbauten saniert hat.
Mit einem Gebot von 150.000 Euro tritt erstmals eine Buna Bau GmbH aus Leipzig in Aktion. Es folgt die Oelke Projekt KG aus Zwenkau mit 200.000 Euro. Übertrumpft von einem Geschäftsmann mit 210.000 Euro, das der Zwenkauer wiederum mit 220.000 Euro pariert. „Das nächste Gebot liegt bei 270.000“, ruft die Rechtspflegerin in den Saal. Nur um kurze Zeit später 280.000 Euro als neuen Spitzenwert zu verkünden. Immer wieder Raunen im Auditorium. Und bei den Vertretern der Stadt Böhlen erste Hoffnung, dass an diesem Tag alte Rechnungen beglichen werden. Längst ist klar, dass sich das Rennen zwischen vier Käufern abspielt. Der Bieter mit der Irrläufer-Überweisung ist noch immer im Haus unterwegs, während Stranz ruft: „Bietet jemand mehr als 280.000?“
Eine gefühlte Ewigkeit passiert nichts. „Doch, ich biete mehr: 350.000“, macht Düsterer der Stille mit großer Gelassenheit ein Ende. Erneutes Staunen bei unbedarften Zaungästen: Ist der DDR-Fünfgeschosser doch mehr wert als vermutet? Auch der Zwenkauer erkennt in dem Bauwerk scheinbar Potenzial, das andere nicht sehen. Er gibt nicht auf. „360.000 Euro“, ruft er laut vernehmbar aus der letzten Reihe.
Keine Summe, die den PCR-Chef schocken kann. Düsterer ist fest entschlossen, das Apart-Hotel am Ende des Tages sein Eigen zu nennen. Er erhöht noch einmal auf 400.000. Wie aus der Pistole geschossen kommt „410.000“ vom Zwenkauer Gegenpart.
Gespannte Ruhe im Saal. Es ist mucksmäuschenstill. War das nun das letzte Wort? Oder geht die Bieterschlacht weiter? Der Immobilienentwickler aus Neu-Ulm erhöht letztmalig auf 450.000. Über diese Summe geht kein anderer. Rechtspflegerin Stranz erteilt kurz nach 11 Uhr den Zuschlag. Der siegreiche Bieter ist in der Region kein Unbekannter. Düsterers Firma hat das „Sonnenpanorama Kitzscher“ realisiert. Dahinter verbergen sich zwei komplett sanierte Neubaublöcke, die schon zum Abriss standen. „Wir haben uns auf der Suche nach einem Café in Böhlen verfahren und mir ist sofort dieses verlassene Hotel aufgefallen.“ Böhlen sei aufgrund seiner Nähe zu Leipzig prädestiniert, auch hier Wohnungen zu schaffen – ebenfalls unter dem Label „Sonnenpanorama“.
Die marode Bausubstanz schreckt den neuen Hausherrn nicht: „Was in solchen Gutachten steht, hat nichts zu sagen. Das war in Kitzscher auch so.“ Der Investor will das frühere Apart-Hotel komplett entkernen und rund 60 Wohnungen schaffen. „Wir werden rund zwölf Millionen Euro investieren.“ Dieses Jahr werde man für Planungen brauchen. „Aber 2027 kann Baustart sein.“ Die Bauzeit betrage etwa ein Jahr.
Auch zur Kaltmiete des Hauses, das er am Morgen noch gar nicht besessen hat, ist Düsterer schon aussagefähig: „Die wird bei 8,50 Euro liegen. Wir wollen Wohnraum schaffen, der auch seine Berechtigung hat.“
In Kitzscher hat dieser Ansatz hervorragend funktioniert. Hier erfreuen sich die Sonnenpanorama-Blöcke großer Nachfrage. In Böhlen soll der gleiche Standard gelten. „Da reden wir von Fußbodenheizung, Fahrstuhl, hohen Energiestandards und großzügigen Balkonen.“ Auch fürs Parken, so der Süddeutsche, stehe in Böhlen genügend Platz zur Verfügung. und Simone Prenzel