Was unserer Stadt wirklich guttut
Gedanken zum Sonntag

Was tun, wenn der Ton rauer wird? Beim Gespräch am Gartenzaun, im Gemeinderat oder in den sozialen Netzwerken ist die Versuchung groß, zurückzuschlagen. Einer sagt etwas Scharfes, der Nächste legt nach. Am Ende hören sich die Beteiligten kaum noch zu.

Die Bilder aus Frankreich vom 17. Oktober zeigen, wohin Eskalation führen kann: Hunderttausende gingen wegen steigender Lebenshaltungskosten auf die Straße. Viele demonstrierten friedlich. Daneben gab es Plünderungen, Brände und Angriffe auf Polizisten. Demonstrieren ist ein gutes Recht. Doch Gewalt erzeugt Gegengewalt. Sie lässt die eigentlichen Forderungen hinter zerstörten Schaufenstern verschwinden. Zurück bleiben verletzte Menschen und ungelöste Konflikte. Ein Satz aus der Bibel begleitet mich seit vielen Jahren, fast wie ein Lebensmotto. Auch als Pfarrer hat er mein Handeln geprägt: „Suchet der Stadt Bestes ... und betet für sie zum HERRN“ (Jeremia 29,7). Der Prophet Jeremia schrieb das an Menschen, die nach Babylon verschleppt worden waren. Ausgerechnet für den Ort ihrer Unterdrückung sollten sie sich einsetzen. Nicht, weil sie das Unrecht gutheißen sollten, sondern weil ihr eigenes Wohlergehen mit dem ihrer Mitmenschen verbunden war.

Das gilt auch heute. Wir dürfen Regierungen entschieden kritisieren. Aber wer Veränderungen will, muss Lösungen suchen statt Feindbilder pflegen. Politiker müssen Entscheidungen treffen können und sich zugleich kritischen Fragen stellen. Autoritäre Systeme dulden solche Kritik kaum. Gerade deshalb sollten wir die demokratische Auseinandersetzung nicht durch Drohungen und Gewalt beschädigen. Was können Christen tun? Beten und handeln. Für Menschen in Verantwortung beten, ohne ihnen einen Freibrief auszustellen. Im Verein mitarbeiten oder dem Nachbarn helfen. Den Andersdenkenden ausreden lassen. Bei Gerüchten nachfragen. Wer Hilfe braucht, nicht nach seiner politischen Meinung beurteilen. Oder bei einer Bürgerversammlung ruhig, aber deutlich sagen, was sich ändern sollte. Jesus Christus hat diesen Weg vorgelebt. Er wandte sich Menschen zu, die andere abschrieben, und antwortete auf Feindschaft nicht mit Hass. An ihm sehe ich: Frieden beginnt, wenn wir dem anderen seine Würde lassen.

und Jörg BachmannPfarrer i.R.Kriebitzsch
Druckansicht