Wer entscheidet eigentlich, was gut ist? Eine Nachbarin bittet um Hilfe, aber der eigene Tag war schon anstrengend. Es wäre gut, für sie da zu sein. Und es wäre ebenso verständlich, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen. Manchmal ist das Gute weniger eindeutig, als wir es uns wünschen.
Vor rund 2700 Jahren beschäftigte diese Frage schon den Propheten Micha. Damals wollten Menschen wissen, welche Opfer Gott von ihnen erwartet. Doch Micha gab eine andere Antwort als sie erwarteten: „Es wurde dir gesagt, Mensch, was gut ist“. Dann nennt er, worauf es ankommt: „das Rechte tun, Nachsicht mit anderen haben und bewusst den Weg mit deinem Gott gehen“ (Micha 6,8, BasisBibel).
Das Rechte tun heißt, nicht nur auf den eigenen Vorteil zu schauen, sondern auch darauf sehen, was anderen zusteht. Nachsicht bedeutet nicht, Unrecht hinzunehmen; sie erinnert daran, dass Menschen mehr sind als ihre Fehler. Und mit Gott gehen heißt, die eigenen Maßstäbe immer wieder zu prüfen. Dazu gehört Demut, aber auch der Mut, für andere einzustehen und ihnen zu dienen.
Michas Worte sind keine einfache Gebrauchsanweisung für ein gutes und gelingendes Leben. In diesem Zusammenhang erinnert Gott zunächst daran, wie er sein Volk befreit und begleitet hat. Erst danach geht es um das Handeln der Menschen. Das ist mir wichtig: Wir müssen uns Gottes Zuwendung nicht durch gute Taten verdienen. Auch Jesus hat gezeigt, wie diese Liebe aussieht. Er wandte sich Menschen zu, die übersehen oder abgeschrieben wurden, und gab ihnen ihre Würde zurück. Dabei beschönigte er das Unrecht nicht. Er eröffnete neue Wege, miteinander zu leben. Für Christen ist das mehr als ein gutes Beispiel: In Jesus begegnet uns Gottes Liebe.
Und wenn die Nachbarin das nächste Mal an Ihrer Tür steht? Dann hören Sie erst einmal hin, bevor Sie zusagen oder ablehnen. Nehmen Sie sich Zeit, wirklich zu verstehen
und Jörg BachmannPfarrer i.R.Kriebitzsch