Nur vier Wochen später steht die 39-Jährige in Berlin zwischen Sängern und Talentsuchern großer Musiklabels. Dort singt sie ein Lied, das jahrelang in der Schublade einstaubte. Eine Widmung an ihren verstorbenen Bruder, der sie einst auf die Bühne brachte. Ihr Auftritt ist der Startschuss für eine Reise, die die Sängerin vielleicht sogar ins internationale Rampenlicht von San Marino führt.
Ins Wanken geriet ihre Welt vor über 20 Jahren. Am 29. April starb ihr Bruder bei einem Verkehrsunfall in Tannenfeld. Er war es, der ihr Talent einst entdeckte: „Er hat mich gedrängt und gesagt: Komm mal aus deinem Zimmer raus, sortier deine Notenblätter.“ Um seine Schwester auf die Bühne zu bringen, rief er damals einen Verein ins Leben – die Gründer des heutigen „Stak reloaded“. Bei einem Open Air sollte Golomb auftreten. Doch ihr Bruder erlebte diesen Moment nicht mehr. Seitdem ist die Musik für die 39-Jährige mehr als nur ein Hobby: „Sie ist mein Ventil. Sie hilft mir, Schicksalsschläge zu verarbeiten. Dann schreibe ich ein Lied und die Welt ist wieder mehr in Ordnung.“
Mit der Bühne ist die Schmöllnerin mittlerweile vertraut: Mit fünf Jahren lernte sie an der Musikschule Gitarre und Akkordeon, später tourte sie jahrelang mit einer Showband durch ganz Deutschland. „Wir hatten viele Auftritte, meinen Namen kannte aber niemand“, sagt sie. Für ihre eigenen Kompositionen tritt sie heute mit Gesang und Gitarre auf, gelegentlich begleitet sie ein Freund am Klavier. Ihre Stücke – eine Mischung aus Pop und Rock – waren lange englischsprachig: „Ich habe mich hinter der Sprache versteckt. Wer auf Deutsch singt, muss sich emotional entblößen.“Dass ihre Lieder den Weg aus der Schublade fanden, verdankt sie Dirk Salomon, einem befreundeten Fotograf und Musiker, und ihrer eigenen Spontanität. Nach dem Interview im „Plauderstündchen“ schickte er ihr einen Flyer für einen Wettbewerb. Golomb fackelt nicht lange und bewarb sich kurzerhand – nicht nur für den Songwriting Award, sondern nach kurzer Recherche auch für die europäische Bühne. „Ich habe gar nicht groß abgewägt, sondern einfach gemacht“, erinnert sie sich.Stand sie im vergangenen Jahr noch vorrangig auf Bühnen im Altenburger Land, wagt sie im Oktober den Schritt nach Berlin. Mit einem Live-Auftritt kämpft sie mit 650 Künstlern aus 14 verschiedenen Ländern um den Einzug ins Finale beim „The European Music Contest“. Aus ursprünglich 30.000 Bewerbern setzte sich die Schmöllnerin zuvor mit ihrem selbstgeschriebenen Lied durch.
„Es ist für mich etwas Besonderes, den Osten als Musikerin vertreten zu können“, erzählt Golomb. Um Erfolg oder Preise gehe es ihr dabei aber nicht: „Ich möchte echte, handgemachte Musik ohne KI erhalten. Das vor großem Publikum zu zeigen, sehe ich als Chance.“ Aber auch abseits der Scheinwerfer ist sie engagiert: Sie will ein gemeinsames Singen für Kinder auf dem Schmöllner Weihnachtsmarkt etablieren. „Junge Menschen sollen sich ausprobieren, Instrumente lernen und sich mit Musik beschäftigen. Sonst geht uns kulturell etwas verloren“, meint Golomb.Doch auf dem Weg nach San Marino gilt es, noch ein Hindernis zu überwinden: Social-Media-Präsenz aufzubauen. „Wer sich als Musiker durchsetzen will, braucht Follower“, sagt die Schmöllnerin. Diese Lektion erteilte ihr die Jury beim „German Songwriting Award“ Anfang März: „Sie meinten: Wir lieben deine Songs, aber wer bist du? Wenn du erfolgreich sein willst, musst du Social Media betreiben.“An die digitale Selbstvermarktung muss sich die Singer-Songwriterin erst noch gewöhnen. „Ich bin hochsensibel, viele Reize tun mir gar nicht gut. Dieser ganze Kram im Netz ist eigentlich nichts für mich“, räumt sie ein. Dennoch hofft sie nun auf Rückhalt aus ihrer Region: Jeder Kommentar, jedes geteilte Video sei für sie wie eine Stimme auf dem Weg ins Finale.
Für den Vorentscheid in Berlin setzt sie auf ihren Titel „Merisade“ – ein selbst erfundenes Wort, das für bedingungslose Hingabe und ein gesundes Loslassen steht. Es ist das erste Lied, das nicht aus einer akuten Krise heraus entstand.Trotz der Chance auf internationale Reichweite, will die 39-Jährige in ihrer Heimat bleiben: „Ich bin Ur-Schmöllnerin und kann nicht weg. Wahrscheinlich, weil ich es hier liebe.“ Ob am 2. Oktober ihre Erfolgsreise weiter nach San Marino geht oder nicht – ihren persönlichen Traum will sie sich an anderer Stelle erfüllen: beim Motorrad-Grand-Prix auf dem Sachsenring, den ihr verstorbener Bruder so liebte. „Dort einmal die Hymne zu singen, wo er früher an der Strecke stand: Das wäre mein Wunsch“, sagt Golomb.
und Roxanna Irrgang