Nicht vorschnell abschreiben
Gedanken zum Sonntag

Ein falscher Satz ist schnell abgeschickt. Unter einer Nachricht über Israel reicht oft ein kurzer Kommentar – und aus Kritik an einer Regierung wird ein Urteil über „die Juden“. Menschen werden in eine Schublade gesteckt, verantwortlich gemacht oder bedroht. In Deutschland ist das besonders erschreckend. Unsere Geschichte verpflichtet uns, genau hinzuhören und früh zu widersprechen.

Ein Satz aus der Bibel setzt einen anderen Akzent: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen“ (Römer 11,29). Verständlicher gesagt: Gott nimmt seine Zusage nicht zurück.

Der Satz stammt aus einem Brief an eine junge christliche Gemeinde. Dort hielten sich einige bereits für klüger und religiös weiter als das jüdische Volk, aus dem ihr eigener Glaube hervorgegangen war. Der Verfasser bremst ihre Überheblichkeit: Ihr seid nicht die Besitzer Gottes. Ihr seid Beschenkte. Dieser Gedanke ist überraschend aktuell. Wir leben in einer Zeit schneller Urteile. Ein Video, eine Schlagzeile oder ein empörender Beitrag genügen, und schon scheint festzustehen, wie ein Mensch, eine Gruppe oder ein ganzes Volk einzuordnen ist. Differenzierung wirkt mühsam. Empörung bringt mehr Aufmerksamkeit.

Die Bibel hält dagegen: Kein Mensch darf auf ein Feindbild reduziert werden. Politische Entscheidungen können und müssen kritisiert werden. Doch Kritik verliert ihre Berechtigung, wenn sie pauschal wird, alte antisemitische Bilder benutzt oder jüdisches Leben infrage stellt.

„Gott nimmt seine Zusage nicht zurück“ – darin liegt auch eine persönliche Hoffnung. Menschen sind mehr als ihre Fehler. Beziehungen sind mehr als ihr letzter Streit. Unser Leben ist mehr als das, was misslungen ist. Gottes Treue reicht weiter als unser Versagen.

Für Christen bekommt diese Treue ein Gesicht: Jesus Christus. Er begegnet Menschen nicht mit vorschnellen Urteilen. Er sucht Verlorene, vergibt Schuld und eröffnet einen neuen Anfang. Sein Kreuz zeigt: Gott hält sich nicht fern. Seine Auferstehung sagt: Kein Scheitern muss das letzte Wort behalten. Wir werden eingeladen, langsamer zu urteilen, genauer hinzusehen und einen Menschen nicht abzuschreiben. Denn Gottes letztes Wort heißt nicht Verachtung, sondern Erbarmen. und Jörg BachmannPfarrer i.R.Kriebitzsch
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