„Sobald es stark windet, kracht es“
Titelgeschichte: Im Auwald kann es bei Sturm gefährlich werden, da viele Bäume krank sind

Unterwegs mit Auwaldranger Marko Reimann im Auwald: Er zeigt, wie Pilzbefall die Bäume nachhaltig schädigen kann – und für „Einsturzgefahr“ sorgt.Foto: André Kempner
Leipzig. Achtung, Baum fällt: Ende August war es eine Linde. Zehn Meter hoch, Stammumfang fast zwei Meter, gepflanzt 1920 in der Leipziger Holsteinstraße. Jetzt musste sie gefällt werden. Der Grund: Massive Fäule und Pilzbefall. Es ist nicht die einzige. Mitte September musste eine Kastanie in Grünau gefällt werden, neun Meter hoch, gepflanzt vor über 40 Jahren. Das Problem: ebenfalls Pilzbefall.Fällungen seien Einzelfälle bei stark geschädigten Exemplaren, wie es aus dem Amt für Stadtgrün und Gewässer heißt. Die Gründe reichen von Altersschwäche und Vandalismus über Unwetterschäden bis hin zu Pilzbefall. Letzteres Problem kennt Stadtwaldranger Marko Reimann nur zu gut: Im Auwald leidet ein Großteil der Eschen unter dem Eschentriebsterben. Das verursacht ein Pilz, der in der Baumkrone angreift und dem dann andere Pilze nachfolgen, welche die Wurzeln der Bäume zerfressen.Gefällt werden die Bäume allerdings nur, wenn sie an öffentlichen Straßen stehen. Dort besteht eine Verkehrssicherungspflicht. Im Auwald, auch an den Waldwegen, ist dies nicht der Fall. Abgestorbene Bäume können dort einfach umfallen. Zuletzt warnte die Stadt Leipzig im Juli vor herabfallenden Ästen und umstürzenden Bäumen im Auwald. Betroffen waren dabei auch Bereiche an der Koburger Straße, an der B2 am Goethesteig sowie im Leipziger Rosental. Mittlerweile wurden diese laut Reimann bearbeitet. Der Ranger betont: „Im Wald selbst gilt: Betreten auf eigene Gefahr.“ Theoretisch kann dort jederzeit ein Baum umfallen. Aktuell sei die Wahrscheinlichkeit besonders bei stärkerem und böigem Wind erhöht.

Woran liegt das? „Eine Rolle spielt auch der heiße Sommer“, erklärt Reimann. Hitze und Dürre würden den Bäumen Stress bereiten. Ein trockenes Jahr allein verursache jedoch noch keine Schäden: „Das Problem hat sich über Jahre hinweg seit dem Dürresommer 2018 aufgebaut.“ In der Folge sei der Grundwasserspiegel spürbar gesunken, weshalb die Wurzeln es nicht mehr erreichen könnten. Das trifft vor allem ältere Bäume, wie Reimann erläutert. Die Jüngeren hingegen würden sich an die veränderten Umweltbedingungen anpassen. Sie bilden laut dem Ranger etwa längere Wurzeln.

Der Sommer hat jedoch auch sichtbare Spuren hinterlassen. „Manche südexponierten Blätter haben braune Ränder gebildet“, beschreibt er. Betroffen sei vor allem der Ahorn: „Über die Blätter ernähren sich die Bäume.“ Sind sie durch die Sonne braun, trage das zum Hitzestress der Pflanzen bei. Trockenheit und hohe Temperaturen könne ein Baum dennoch lange aushalten. „Das größte Problem ist jedoch, dass viele bereits geschwächt sind“, ordnet Reimann ein.

Gleichzeitig fressen sich die beschriebenen Pilze weiter durch die Eschen. Die Art macht rund 40 Prozent des gesamten Auwalds aus – und die leiden, wie der Ranger bestätigt. Er zeigt auf einen Baum am Wegesrand. „Der wird bald umfallen“, sagt Reimann. Auf den ersten Blick sieht die Esche standfest aus. Den Pilz sieht man nicht, nur die Spuren, die er hinterlässt. Der Stamm ist an einer Stelle wie zerfressen. Ein Loch klafft kurz über der Erde. Eine verfaulte Stelle.

„Der größte Schaden ist unsichtbar an den Wurzeln“, fügt Reimann hinzu. Das Triebsterben macht die Eschen instabil: „Sobald es stark windet, kracht es.“ Ein Großteil der Eschen werde in den kommenden Jahren sterben, ist er sich sicher.

Ein paar Meter weiter liegt bereits ein umgekippter Baum. Die Überreste der Wurzeln ragen in die Luft. Reimann fasst an die Unterseite des Stammes. Das Holz zerbröselt in seiner Hand – eine Folge des Eschentriebsterbens.

Im Auwald selbst greift er nicht ein. Nur an öffentlichen Straßen und an Spielplätzen. 160 Kilometer Strecke gilt es jährlich zu kontrollieren. „Die Zahl der Bäume, die wir dort entfernen müssen, ist anhaltend hoch“, erklärt der Ranger. Mehrere hundert pro Jahr müssen gefällt werden. Trotzdem gibt er Entwarnung: „Die Natur wird sich anpassen und erholen.“

„Der Wald wird nicht sterben, die Eschen werden nicht verschwinden“, beruhigt Reimann. Hoffnung machen die jungen Bäume: Die würden gut mit den veränderten Bedingungen klarkommen. Außerhalb des Waldes setzt man außerdem bewusst auf robuste Sorten, wie der Experte erklärt.

„Langfristig geht es darum, den Baumbestand widerstandsfähiger gegenüber den veränderten klimatischen Bedingungen zu machen und viele neue Bäume zu pflanzen“, heißt es aus dem Amt für Stadtgrün und Gewässer. Auch im Stadtgebiet setzen Hitze und Trockenheit den Bäumen zu. Das könne unter anderem zu vorzeitigem Blattverlust, Kronenschäden und einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber Krankheiten und Schädlingen führen. Junge Bäume würden daher bewässert.

Wie stark einzelne betroffen sind, hänge unter anderem von der Art, dem Alter, dem Standort und den jeweiligen Bodenverhältnissen ab. Die Bäume werden regelmäßig kontrolliert. „Geschädigte Äste oder Kronenteile müssen, soweit aus Gründen der Verkehrssicherheit erforderlich, entfernt werden“, heißt es. Das Amt teilt mit: Bei starken Schäden kann im Einzelfall eine Fällung notwendig werden. und M. Eisenbarth
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