Keine Angst vorm Fliegen!
Titelgeschichte: Ein Seminar inklusive Simulatorflug über Leipzig soll Abhilfe bei Flugangst schaffen

Unterwegs im Flugzeugsimulator: Mit Pilot Silvio Frauenheim kann man da etwas gegen die Flugangst tun.Foto: André Kempner
Leipzig. Der Tachometer zeigt fast 300 Kilometer pro Stunde. Die Turbinen heulen auf. Das Flugzeug steigt in die Luft. Rund 500 Meter pro Minute. Langsam verschwinden Leipzigs Häuser aus dem Sichtfeld. Das Neuseenland ist als blaue Flecken mitten im Grün zu erkennen. Der Blick aus dem Fenster ist allerdings nicht real.

Das Cockpit befindet sich nicht mehrere Kilometer hoch in der Luft, sondern steht am Boden. Genauer gesagt in einer Halle in Markranstädt bei Leipzig. Dort bietet das Flightdeck L.E. neben Erlebnisflügen auch ein Anti-Flugangst-Seminar inklusive Simulator-Flug an. Kann das helfen, die Angst vor dem Fliegen zu überwinden? Es folgt die Probe auf’s Exempel.

Der Hintergrund: Jeder Dritte fühlt sich laut Angaben des Vereins Deutsche Angst-Hilfe beim Fliegen unwohl. Rund 15 Prozent der Deutschen würden zudem unter Flugangst leiden. Aviophobie nennt sich das weitverbreitete Phänomen. Bemerkenswert ist dabei eins: „Flugangst ist nicht die Angst vor dem Flugzeug und meistens auch nicht vor dem Fliegen selbst“, erklärt Silvio Frauenheim. Der 36-Jährige hat selbst jahrelange Flugerfahrung und leitet im Flightdeck unter anderem die Anti-Flugangst-Seminare an. „Die meisten, die zu uns kommen, haben etwa Angst vor dem Kontrollverlust im Flugzeug, vor dem Unbekannten, vor einem Absturz oder auch vor Höhe.“

Psychologin Marie Agnes Bochmann von der Leipziger Fachpraxis Sprechangst sagt: „Das Erleben von Kontrollverlust im Flugzeug verursacht je nach Verlauf der Lebensgeschichte mehr oder weniger Stress. Jemand mit einem stabilen Vertrauen und innerer Zuversicht in sich selbst und in Bezug auf seine Umwelt wird kaum von Flugangst betroffen sein.“ Auch die Angst vor Unbekanntem spiele laut Frauenheim eine Rolle. Was kann dabei helfen?

„In erster Linie Wissen über das Fliegen und Flugzeuge“, so Frauenheim. Deshalb erklärt er im Anti-Flugangst-Seminar technische Details und warum Flugzeuge das sicherste Verkehrsmittel sind. „Die wichtigen Systeme im Flugzeug sind alle mindestens in doppelter Ausführung vorhanden. Sollte doch mal eines ausfallen, übernimmt das andere.“ Auch die Höhe, in der ein Flugzeug fliegt, müsste nicht abschrecken: „Die Höhe ist gut für uns. Dort oben gibt es zumindest keinen Gegenverkehr.“ Zudem mache es die Höhe möglich, auf verschiedenste Szenarien in Ruhe zu reagieren. Auch Gewitterzellen könnten so umflogen werden. Und selbst wenn nicht: „Flugzeuge sind darauf ausgelegt, in der Luft zu sein. Ein Blitzeinschlag ist einkalkuliert“, bekräftigt er.

Alles Wissen kann ängstliche Flugpassagiere dennoch nicht immer beruhigen. Und längere Flugpausen könnten zum Unbehagen beitragen. „Angst verstärkt sich durch Vermeidung. Damit wird die innere Annahme aufrechterhalten, dass die auslösende Situation tatsächlich bedrohlich ist“, ordnet Psychologin Bochmann ein: „Für ein nachhaltiges Beruhigen der Angst braucht es die Konfrontation mit der angstverursachenden Situation.“

Etwa bei einem Simulatorflug: Deshalb steigt man beim Seminar nach dem theoretischen Teil gemeinsam mit Silvio Frauenheim in die Kabine und das Cockpit eines Airbus 320 Neo: ein klassisches Kurz- und Mittelstreckenflugzeug. „Der typische Urlaubsflieger also“, so Frauenheim. Den Simulator in Markranstädt, ein Cockpit sowie ein Teil der Kabine, hat er selbst gemeinsam mit seinem Vater nachgebaut: „Außer Bewegung können wir hier alles realistisch nachstellen.“

Er drückt ein paar Knöpfe im Cockpit, das Flugzeug schiebt sich über das Rollfeld des Flughafens Leipzig/Halle. In der Ferne sind die riesigen Antonovs zu erkennen, auf der anderen Seite DHL-Flieger. Wer ab Leipzig in den Urlaub startet, bekommt im Flightdeck also einen realitätsnahen Einblick. Auch das Wetter im Simulator entspricht den echten Bedingungen.

„On runway“ ertönt ein Geräusch. Frauenheim drückt den Schubhebel nach vorn. Technik aus drei Beamern lässt die Landschaft vorbeifliegen. „Das Gehirn denkt, dass wir uns tatsächlich bewegen und steigen“, erklärt der Fluginstruktor. Entsprechend heftig könnten die Angstreaktionen bei Teilnehmern ausfallen. „Wir mussten auch schon abbrechen“, erinnert er sich. Regulär fliegt er im Simulator rund 30 Minuten über das Umland. Dann steuert er zurück zum Flughafen Leipzig/Halle und landet die Maschine. Geschafft!

„Das erfolgreiche Erlebnis im Flugsimulator kann eine wirksame Basis sein, sich darauffolgend mit einem Zuwachs an Selbstvertrauen und Vertrauen in die Expertise der Piloten der realen Flug-Situation zu stellen“, erklärt Psychologin Bochmann. Aber es gibt auch Grenzen. Wenn der Flugangst etwa traumatische Erfahrungen zugrunde liegen, ist laut Bochmann zunächst eine Psychotherapie notwendig.

Zudem empfiehlt sie ängstlichen Flugpassagieren zur Selbsthilfe eine Klopftechnik, bei der verschiedene Punkte am Körper beklopft werden. Auch tiefe Bauchatmung, Singen oder Summen könnten beruhigend wirken. Zum Abschluss des Seminars im Simulator gibt Frauenheim ähnliche Tipps für den nächsten richtigen Flug: „Mit einem kurzen Flug starten, Kopfhörer dabei haben und dem Flugpersonal von der Angst erzählen.“ und M. Eisenbarth
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