Janina Woyach ist 38 Jahre alt, lebt in Markranstädt, arbeitet tagsüber im Homeoffice als Redakteurin bei einem Weiterbildungsträger – und schreibt. Immer. Sie kritzelt in Notizbücher, die überall dabei sind, spricht in ihr Handy, wenn eine Idee ausgerechnet beim Autofahren kommt. Abends ab 20 Uhr, wenn das Haus ruhiger wird, gehört die Zeit ihr. „Das ist mein Happy Place“, sagt sie.
Das neueste Werk der Autorin ist ein Kinderbuch mit dem Titel „Das Geheimnis der Leipziger Lerche”. Es bildet den Auftakt einer Reihe und ist im Frühjahr beim Buchverlag Leipzig erschienen, pünktlich zur Buchmesse. Die Story spielt komplett in Leipzig: auf der Galopprennbahn, am Völkerschlachtdenkmal, im Zoo, in den Parkanlagen. Zwei Kinder, Max und Marie, lösen einen Verbrechensfall. Begleitet werden sie von Fritzi, dem Frettchen.
Die Idee für das Buch kam vom Verlag. „Sie wollten eine Detektivgeschichte mit regionalem Bezug“, erzählt Janina Woyach. „Ich hatte dann gleich eine Idee dazu.“ Ein Junge und ein Mädchen sollten gemeinsam Fälle lösen. Die Handlung hat Woyach im Vorfeld sorgfältig durchdacht.
Denn die Autorin weiß genau, was Kinder in Geschichten lieben – sie hat schließlich ihr eigenes Testpublikum zu Hause. Wichtig war ihr: Möglichst keine Klischees. „Ich wollte nicht den klassischen Draufgänger-Detektiv. Marie darf ein bisschen Pippi-Langstrumpf-mäßig vorpreschen, und Max ist der einfühlsame Charakter.“ Eine bewusste Entscheidung, die beim Verlag, aber auch bei ihren Töchtern, gut ankam, sagt sie mit einem Schmunzeln.
Wie die Figuren aussehen, wusste sie anfangs selbst nicht. Die Illustratorin hatte darum gebeten, die Hauptcharaktere bewusst nicht zu beschreiben – sie wollte die Geschichte erst lesen und dann ihre eigene Vision entwickeln. „Eine ganz interessante Zusammenarbeit“, sagt Woyach. Max habe sie sofort geliebt – „er sieht aus wie ein kleiner Surfer mit Stirnband“. An Marie wurde länger gefeilt. Rote Haare, Sommersprossen, zunächst noch eine rote Brille. „Ich dachte, das ist ein bisschen zu viel. Gönn ihr doch gutes Augenlicht.“ Auch die Kleidung musste angepasst werden: „Die darf verspielter sein, sie darf auch Hosen anziehen.“
Den tierischen Begleiter hatte Woyach ursprünglich ganz anders geplant. „Ich wollte einen dicken, pummeligen Waschbären haben.“ Aber die Redakteurin vom Verlag gab zu bedenken: Waschbären richten Schäden an – wollen wir das wirklich? „Und dann hab ich hin und her überlegt und dachte, ja, bevor wir jetzt einen Hund nehmen“ – eine kurze Pause, ein Grinsen – „das wäre mir ein bisschen zu naheliegend gewesen.“ Dann lieber ein Frettchen. So fand Fritzi Eingang in die Geschichte.
Was das Buch besonders macht, ist der Blick, mit dem es Leipzig zeigt. Nicht den historischen, nicht den touristischen – den kindlichen. Als Woyach mit ihren Töchtern zum Völkerschlachtdenkmal fuhr, um für das Buch zu recherchieren, sagte ihre Kleine überrascht: „Mama, das sieht aus wie eine Sandburg.“ Seitdem wird das Denkmal im Buch genau so beschrieben – als gigantische Sandburg. „Es war wichtig“, sagt Woyach, „dass man die Stadt mal aus Kinderaugen betrachtet.“
Ihre Familie ist in die Recherche fest eingebunden. Alle Orte, die im Buch vorkommen, wurden gemeinsam besucht. „Zum Völki sind wir extra noch mal hingefahren. Die Kinder haben die Stufen gezählt, hoch und runter – genau wie Max und Marie es im Buch machen.“ Authentizität ist ihr wichtig, auch wenn es bedeutet, mit der ganzen Familie auszurücken.
Das Buch enthält außerdem Rätsel, die die Leserinnen und Leser einladen, aktiv mitzumachen. Als der Verlag meinte, die Rätsel seien teilweise zu schwer für Kinder, reagierten Woyachs Töchter mit Empörung. „Die haben mich ganz entgeistert angeguckt: Wieso ist das zu schwer? Die konnten das gar nicht nachvollziehen.“ Ein Rätsel wurde schließlich vereinfacht – bei Lesungen nimmt Woyach die Originalversionen mit, die die jungen Zuhörerinnen und -hörer in der Regel spielend lösen. „Erwachsene unterschätzen Kinder manchmal.“
Die Altersempfehlung für das Buch: Grundschulkinder, also etwa sechs bis neun Jahre. Vorlesen kann man die Geschichte auch schon Vorschulkindern. Die Sätze sind kurz, es gibt keine Fremdwörter, aber ein Erzähltempo, das keine Zeit verliert. „Die Ortsübergänge hab ich bewusst weggelassen – wie die Kinder von einem Ort zum anderen kommen, das interessiert die sowieso nicht. Das sind Fragen, die stellen sich nur Erwachsene“, sagt Woyach.
Woyach liebt es nicht nur zu schreiben, sondern auch, ihre Bücher einem Publikum zu präsentieren. Im soziokulturellen Zentrum Kuhstall in Großpösna kamen zuletzt sogar 120 Kinder. „Das größte Publikum, das ich je hatte”, sagt Woyach, lacht und betont: „Kinder sind anspruchsvoll, das ist was ganz anderes als vor Erwachsenen zu lesen.“ Vor denen könne man einen Cliffhanger stehen lassen. Kinder wollen wissen, wie es weitergeht. Also lässt sie die Kinder raten, spinnt mit ihnen die Geschichte weiter. „Da denk ich mir manchmal, Mensch, ich hätte euch vorher fragen sollen – dann wäre das Buch vielleicht ganz anders ausgegangen.“
Ihre Lesungen sind kein bloßes Vorlesen. Sie sind Miniprogramme mit Interaktion, Rätseln, Spielen. „Wenn ich merke, die Kinder finden es ganz toll zuzuhören, dann lese ich länger. Wenn sie hibbelig sind, wird mehr gespielt.“ Sechs Lesungen in drei Tagen hatte die Autorin im Mai im Leipziger Zoo – und jede war anders. Das ist ihr Prinzip: vorbereiten, aber Spielraum lassen. „Ich will nicht, dass die Kinder sich quälen. Und ich will mich auch nicht quälen.“ Dabei kämpft Woyach im Vorfeld stets mit Lampenfieber. „Ich höre oft, dass man es mir nicht anmerkt. Aber innerlich bin ich sehr nervös.“
Janina Woyach wuchs in Ludwigsfelde auf, einer kleinen Stadt südlich von Berlin, nahe Potsdam. Schreiben, das sagt sie selbst, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben – schon lange bevor sie es bewusst wahrnahm. „Sobald ich den Stift in die Hand gekriegt hab, ging das eigentlich los.“ Eine Deutschlehrerin auf dem Gymnasium erkannte ihr Talent und gab ihr Raum: Sie nahm an Gedichtwettbewerben teil, schrieb Theaterstücke für die Schule, schließlich sogar ein Bühnenstück für die eigene Abiturfeier. „Drei Jahre in Folge hab ich die Theaterstücke für die Schule geschrieben.“ Das Schreiben entwickelte sich zu einer Leidenschaft. Nach dem Abitur lief Woyach den Jakobsweg in Spanien, allein, mit offenem Ausgang. Die Uni-Zusagen lagen bereits im Briefkasten, aber wohin die Reise wirklich führen würde, wusste sie noch nicht. Was sie vom Weg mitnahm, war die Erkenntnis, dass sie mehr schafft, als sie glaubte. „Egal, wie kaputt und tot man sich abends fühlt – am nächsten Morgen kann man weiterlaufen. Das hätte ich vorher nicht gedacht.“ Aus dieser Reise entstand ihr erstes Buch: ein kleiner Ratgeber mit dem Titel „Dinge, die dir keiner über den Jakobsweg sagt“ – es ist bis heute ihr meistverkauftes Werk.
Nach der Wanderung schrieb sie sich in Leipzig an der Uni für Germanistik ein, mit Schwerpunkt Sprachwissenschaft. Nebenbei verfasste sie Werbetexte für verschiedene Produkte, auch um das Studium zu finanzieren. „Da bleibt man drin in der Materie und beschäftigt sich mit Themen, mit denen man freiwillig nie in Berührung gekommen wäre. Das war eine gute Lehrzeit.“
Der erste feste Job führte Woyach in eine Reiseredaktion, ein Reiseblog entstand gemeinsam mit einer Freundin. Und dann kam die kreative Phase: „Dot Painting”, ein Buch mit Anleitungen für die Punktmalerei, erschien beim Buchverlag Leipzig, mit dem sie seit fünf Jahren zusammenarbeitet. „Die Idee hatten mir alle versucht auszureden. Ich hab es aber trotzdem gemacht – und es hat geklappt.“
Woyach ist, was sie selbst einen „Hybrid“ nennt: teils veröffentlicht sie heute im Selbstverlag, teils in klassischen Verlagen. Für ihre Seeromane – Liebesgeschichten für Frauen, angesiedelt im Leipziger Neuseenland – hat sie sich bewusst für den Selbstverlag entschieden. Die Verlage wünschten sich andere Handlungsorte. „Aber warum soll ich das nach New York oder an die Ostsee verlagern? Wir haben hier doch eine tolle Region direkt vor der Haustür“, findet sie. Jeder Roman bekommt seinen eigenen See, jede Protagonistin ihr eigenes Gewässer. Gerade arbeitet sie am dritten Band, der am Schladitzer See spielt und 2027 zur Buchmesse erscheinen soll.
Inzwischen ist das Schreiben für Woyach weit mehr als ein Hobby. Sie gewann unlängst einen Schreibwettbewerb des Ullstein-Verlags und hat nun dort einen Vertrag für eine neue Romanreihe. Der erste Band ist fertig. Dazu tüftelt sie am zweiten Kinderbuch-Band mit Max, Marie und Fritzi, dessen Schauplatz sie noch nicht verraten darf. Doch wie bringt sie all das unter einen Hut – den Job, die Schreibprojekte und die Familie? Woyach lacht. „Ich weiß garantiert nicht, was aktuell im Fernsehen oder im Kino läuft. Und ich hab Wäscheberge, wo die Kinder reinspringen können.“ Außerdem sei ihr Mann eine große Unterstützung.
Einmal im Jahr nimmt Woyach an einem Schreibwochenende mit zwei Autorinnenkolleginnen in Kreipitzsch bei Naumburg teil. Mitten im Wald genießt sie dann die Ruhe und kann sich nur aufs Schreiben konzentrieren. „Der Austausch mit Gleichgesinnten ist einfach schön.“
Ob sie sich vorstellen könne, irgendwann nur noch zu schreiben? „Das wäre natürlich ein Traum.“ Gleichzeitig sagt Woyach: „Ich bin dankbar, dass ich meinen Hauptjob hab. So kann ich locker und frei schreiben, ohne Angst im Nacken.“ Sie habe dadurch keine Existenzsorgen, keinen Druck. Nur das leise Fiebern vor dem Abend, wenn die Kinder schlafen, der Laptop aufgeklappt wird und Leipzig wieder zur Bühne wird – für ihre Geschichten.Gina ApitzJanina Woyachs Kinderbuch „Das Geheimnis der Leipziger Lerche” ist im Buchverlag Leipzig erschienen. Eine Lesung ist am 5. September im Buchladen Thalia in Leipzig geplant.
Der SachsenSonntag verlost ein Exemplar von „Das Geheimnis der Leipziger Lerche“ und je ein Exemplar ihrer Seeromane „Sommer, Sonne, Seemannsgarn“ sowie „Im Schmetterlingsflieder“. Wer gewinnen will, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Lerche“, „Sommer“ oder „Schmetterlingsflieder“ an verlosung@sachsen-medien.de. Einsendeschluss ist der 8. August, 12 Uhr.
www.janina-woyach.de