Sichtbar wird sofort Beckmanns Interesse an der menschlichen Figur, die er mythisch auflädt. „Das hat viele Künstler der DDR inspiriert“, sagt Graser. Weshalb ihr Beckmann auch als Ausgangspunkt dient für die neu angelegte, überwiegend chronologisch gehaltene Reise durch die moderne und zeitgenössische Kunst des Museums. Über rund 1000 Quadratmeter und zehn Räumen erstreckt sich die neue Sammlungspräsentation „Bilderkosmos #3. Leipzig im Dialog“. Neu ist im Vergleich zu den vorangehenden Ausstellungen, dass neben Malerei und Skulptur auch Fotografie und – siehe Beckmann – Grafik vertreten sind. Die Blätter werden aus konservatorischen Gründen etwa alle drei Monate ausgetauscht.
Von Beckmann führt die Ausstellung zunächst in die klassische Moderne, unter anderem zu Giorgio De Chirico und Vertretern der Brücke wie Max Pechstein und Otto Mueller. Zu sehen ist etwa Muellers „Liebespaar“. Ein Beispiel dafür, wie auch hier der Mensch eine Rolle spielt, aber anders als bei Beckmann eher im Bezug zur Natur. Eine Einladung, der Dresdner Künstlergruppe beizutreten, hatte Beckmann seinerseits abgelehnt.
Der Fokus der auf die Zeit bis 25. April 2027 angelegten Sammlungspräsentation liegt auf der Kunst aus der DDR. Mit Harry Blumes „Gruppenporträt Leipziger Künstler“ von 1961 gerät man mitten hinein in das, was sich durch den Nukleus HGB zur spezifischen Leipziger Kunst mit ihrem klaren Bekenntnis zur figurativen Malerei entwickelt hat. Auf dem Werk sieht man Bernhard Heisig, Werner Tübke, Hans Mayer-Foreyt, Heinrich Witz und Harry Blume selbst. Hinter dem Fenster ragt der Turm des neuen Rathauses als bewusst gesetzte räumliche Verortung in Leipzig in den Himmel. Das weibliche Modell sitzt am Rand. Es dominiert der männliche Blick. Als Künstlerinnen sind Frauen, auch das Thema schneidet Jenny Graser an, in der Sammlung unterrepräsentiert.
Die Schau legt sichtbar Wert darauf, die Kunst aus DDR-Zeit auch einem jüngeren Publikum zugänglich zu machen. Ganz praktisch etwa mit einem Glossar auf der Wand, das dabei hilft, Werke wie Hans Mayer-Foreyts „Aktivist Steinecke“ zu verstehen. Außerdem werden Themenkomplexe geschickt und nicht ohne Ironie aufgebrochen. Zwischen den ideologisch überformten Bildnissen von Arbeiterinnen und Arbeitern findet sich das fotografische Porträt eines Leipziger BMW-Auszubildenden von Rineke Dijkstra. So offenbaren sich thematische und ästhetische Kontinuitäten und Adaptionen über weite Zeiträume. Spannend ist es außerdem zu sehen, wie sich Kritik zunehmend deutlicher unter die Oberfläche schiebt. Zunächst noch als Andeutung wie in Doris Zieglers „Frauen in der Spinnerei“ mit ihren leeren Blicken. Oder im mit „Ambivalenzen und Ambiguitäten“ überschriebenen Raum bei Wolfgang Mattheuers „Das blaue Leipzig“. Das sei schon sehr ironisch zu verstehen, sagt Graser. „So blau sah der Himmel über Leipzig nie aus.“ Noch deutlicher werden Wolfram Ebersbach mit „Schlagzeug ohne Spieler“, 1976 gemalt im Jahr der Ausbürgerung Wolf Biermanns, und Volker Stelzmann mit „Die Band“. Die Punkband steht mit resignierten Gesichtern in einem erdrückend engen Raum.
Aber auch andere gesellschaftlich verhandelte Themenkomplexe der DDR greift die Ausstellung auf, etwa Geschlechterrollen und Identität. Die Schau kontrastiert etwa Doris Zieglers „Leipziger Liebespaar“, in das sie sich selbst doppelt als Frau und Mann einschreibt, mit Fotografien von Harry Hachmeister von 2005. „Das Thema ist bereits in der DDR-Zeit angelegt und nicht für die Ausstellung konstruiert“, sagt Graser. Auch die zweite Generation der Leipziger Schule um Sighard Gille und Arno Rink bekommt ihren Raum – zum Teil ausdrücklich im Dialog mit Beckmann, dessen 100. Geburtstag 1984 von vielen Künstlern gewürdigt wurde. Oft grafisch, großformatig in Öl aber in Gilles Triptychon „Begegnungen. Für Max Beckmann“. Darüber führt der Weg schließlich in den finalen Teil, in die zeitgenössische Kunst, unter anderem zu Rink-Schüler Neo Rauch. „Die Geschichte der Figur wird weitergedreht“, sagt Jenny Graser.
Bei allem Fokus auf die figurative Kunst streift die Tour durch die Zeit auch die Traditionslinie der geometrischen Abstraktion, die sich ab den 1930er Jahren intensiv entwickelte und gegen den sozialistischen Realismus der DDR behauptete. Zu erleben sind lange nicht gezeigte Arbeiten von Karl-Heinz Adler und Irmgard Horlbeck-Kappler.
und Dimo RießInfos: www.mdbk.de