Völkerverständigung im Kleinen
Seit zehn Jahren verbinden „Klänge der Hoffnung“ Menschen aus allen Teilen der Welt mit Instrumenten aus ihrer Heimat unter dem Dach der Musik / Am 3. Juni leiten Ali Pirabi und Tilmann Löser im Gewandhaus ein großes Festkonzert.

Lädt am 3. Juni zum Festkonzert: Das Ensemble „Klänge der Hoffnung“.Foto: Roland Quester
Leipzig. Ali Pirabi, der Musikalische Leiter der „Klänge der Hoffnung“, stockt, er ringt um Fassung. Noch immer kommt alles wieder hoch, wenn er erzählt, was er im Iran erlitt. „Ich wollte immer Musik machen“, sagt er. „Schon seit ich sieben Jahre alt war.“ Aber Musik war verboten im Iran nach der Islamischen Revolution (1979), die über das Land hereinbrach, als er ein Jahr alt war.

Und so musste er es heimlich tun: heimlich Unterricht nehmen, heimlich üben, heimlich seine Santur, die persische Zither, zum Stimmer bringen. Und dabei erwischten ihn, er war noch beinahe ein Kind, „zwei große starke Männer, sie hielten mich auf – und verprügelten mich so brutal, dass ich zwei Tage im Koma lag“.

Die Musik jedoch konnten sie ihm nicht nehmen. Später, als es etwas leichter wurde im Iran, studierte er. Persische und europäische Musik. Er trat in seiner Heimat auf, auch in Europa, in Paris, in Amsterdam, Madrid, gründete in Shiraz eine Musikschule. Doch die Repressalien nahmen kein Ende. Er landete „wegen meiner Musik, meiner Lieder, meiner Texte“ im Gefängnis – und fasste schließlich 2013 den Entschluss, seine Heimat zu verlassen.

So kam er nach Leipzig: „Ich kannte die Stadt nicht, hatte keine Kontakte, aber ich komme aus Shiraz, das ist die Stadt des größten persischen Dichters Hafiz. Und da dachte ich, es würde gut passen, wenn ich in die Stadt ginge, in der Bach, der größte westliche Komponist, lebte und arbeitete.“ Hier fand er Freunde, hier knüpfte er Kontakte, hier nahmen 2016 die „Klänge der Hoffnung“ Gestalt an. Das transkulturelle Musikprojekt, das nach mehreren Häutungen am 3. Juni im Gewandhaus mit vielen musikalischen Freunden und Gästen seinenzehnten Geburtstag feiert.

„Klänge der Hoffnung“, das sind derzeit ein Orchester und ein Jugendorchester. Doch begonnen hat alles mit einem Abend im Grassimuseum, in dem Solisten und Formationen zwar ein gemeinsames Konzert gaben, aber noch nicht gemeinsam musizierten.

„2015, 2016,“ sagt Projektleiter Tilmann Löser, „war die Situation noch eine ganz andere. Es kamen viele Flüchtlinge ins Land, es gab eine Willkommenskultur, den Wunsch zu helfen, zu integrieren. Damals trat die Leipziger Stiftung Friedliche Revolution an mich heran, weil sie etwas unternehmen wollte. Ich kannte mich mit Musik aus, hatte Erfahrung mit transkultureller Musik und gute Kontakte, und so organisierten wir das Konzert.“ Und die damals beteiligten Musikerinnen und Musiker fanden immer enger zusammen: „Wir kochten zusammen, wir tauschten uns aus, wir musizierten.“ So bildeten Ali Pirabi (Santur, Kamantsche), Basel Alkatrib (Oiud), Ghandi Aljrf (Gesang), Karolina Trybala (Gesang), Roberto Fratta (Perkussion), Friederike von Oppeln-Bronikowski (Klarinette), Samuel Seifert (Violine) und Tilmann Löser (Klavier) das Ensemble „Klänge der Hoffnung“. Man beantragte Projektförderung, erhielt sie für drei Jahre. Und spielte ab 2018 Repertoire, das europäische, arabische und persische Musik sowie Klezmer-Einflüsse verschmolz.

Im Jahr 2020 kam mit der nächsten Projektförderung der nächste Schritt: Die Profi-Mitglieder des Ensembles „Klänge der Hoffnung“ wurden zu Dozenten des Orchesters „Klänge der Hoffnung“: Rund 40 Laien aus Europa und Afrika, aus dem Nahen und dem fernen Osten, aus Südamerika spielen gemeinsam Musik, die Ali Pirabi aus Liedern all dieser Regionen der Welt arrangiert – für die Instrumente, die eben gerade da sind.

Eine Herausforderung. Denn schon persische und europäische Musik folgen völlig anderen Gesetzen. Hier harmonisch und mehrstimmig, dort linear und heterophon. Bei uns chromatisch, im arabischen Raum mit Vierteltönen. Parabi: „Es war nicht einfach, den europäischen Orchestermitgliedern, die Instrumente spielen, auf denen das prinzipiell geht, die Vierteltöne beizubringen. Also nicht einfach nur etwas zu hoch oder etwas zu tief zu spielen.“

Im Leipziger Ring-Cafétreffen einmal in der Woche zum Proben Menschen aufeinander, die die Fremdheit in diesem Land verbindet, aber sonst vieles trennt. „Das ist manchmal sehr kompliziert“, sagt Löser. „Denn wir klammern auch schwierige Themen nicht aus, und natürlich kommt es manchmal zu Konflikten. Aber die Musik bringt uns alle wieder zusammen.“

Ein überzeugender Beweis für die völkerverständigende, jafriedensstiftende Wirkmacht von Musik. Von ihrer emotionalen spricht Pirabi: „Als 2025 der iranisch-israelische Krieg ausbrach, dachte ich bei mir: Mal sehen, wer morgen noch zur Probe kommt. Aber es waren alle da – bis auf eine Musikerin, die im Iran ihre Familie besuchte und nicht wieder aus dem Land herauskam. Das hat mich sehr gerührt, dass wir in der Musik alle zusammen sein und zusammen fühlen konnten.“

Natürlich schafft gemeinsames Musizieren die Probleme nicht aus der Welt. Und die Situation ist in den vergangenen Jahren und Monaten nicht leichter geworden. Löser: „Nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 und dem sich anschließenden Gaza-Krieg gab es einige Spannungen im Orchester, und wir haben auch gemerkt, dass da sehr unterschiedliche Positionen und Erfahrungen von Musikerinnen und Musikern aufeinander trafen. Trotz dieser Spannungen hat uns die Musik zusammengehalten und bleibt für uns die gemeinsame Basis. Bei den ‚Klängen der Hoffnung‘ funktioniert also im Kleinen, was auch gesamtgesellschaftlich funktionieren müsste: Meinungen, Weltanschauungen, Standpunkte, Überzeugungen anderer aushalten, im Kontakt, im Gespräch bleiben.“

Dass dies gelungen ist, zeigt der Umstand, dass unter den Gratulanten beim Festkonzert am 3. Juni auch der Leipziger Synagogal-Chor ist. Das Konzert ist Teil von „Tacheles“, dem Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen. Weil, wie Ali Parabi es sagt, „im Orchester „Klänge der Hoffnung“ von Anfang an Menschen unterschiedlichster Herkunft gemeinsam jüdische, arabische und persische Lieder gespielt haben“

Würde es die „Klänge der Hoffnung“ nicht geben, man müsste sie erfinden. Dennoch ist die Zukunft des Projekts, zu dem mittlerweile auch ein Jugendorchester gehört, ungewiss: Das Transkulturelle Musikforum, das 2023 die Stiftung Friedliche Revolution als Träger ablöste, erhält den größten Teil seiner Mittel aus zwei Töpfen. Aus Dresden kommt vom Freistaat Geld für Integrative Maßnahmen, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Berlin trägt das Jugendorchester. Die Dresdner Mittel laufen Ende des Jahres aus, die fürs Jugendorchester Ende 27.

Löser: „Ich weiß nicht, wie es dann weitergeht. Als wir vor zehn Jahren angefangen haben, sagte Angela Merkel noch: ‚Wir schaffen das!‘ Heute hört man eher die Frage: ,Wie schaffen wir das, die alle wieder abzuschieben?‘ Die AfD hat bereits signalisiert, dass sie die Förderung sofort einstellen will, und von der CDU kommen auch keine ermutigenden Signale."

und P. Korfmacher
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