Genau hier setzt eine Idee an, mit der Roßwein seine Innenstadt verändern will. Madlen Trienitz vom Kulturamt zeigt vom Markt hinunter in die Mühlstraße. Künftig soll sich der Fluss von hier aus weiterziehen – nicht mit echtem Wasser, sondern als farbig gestaltete Spur auf dem Gehweg. „Der Wasserlauf ist ausschlaggebend für das Projekt.“
Mit „Roßwein kommt in Fluss“ bewirbt sich die Stadt beim sächsischen Innenstadtwettbewerb „Ab in die Mitte“. Das diesjährige Motto lautet „Cooler Kern statt grauer Stein“. Roßwein nimmt es ziemlich wörtlich: Der graue Stein vor dem Rathaus soll bleiben, aber entlang der Strecke vom Markt bis zur Mulde deutlich lebendiger werden.
Der neue Flusslauf soll mit wetterfester Farbe auf den Boden kommen. Die Spur solle als Symbol für eine neue Begegnungsachse dienen. Darüber plant die Stadt stellenweise Sprühelemente, die Wassernebel erzeugen und an heißen Tagen für Abkühlung sorgen.
Sie führen zunächst vom Markt zum Mühlbrunnen. Wasser führt er schon heute. Was ihm jedoch aus Sicht der Stadt fehlt, sind Menschen, die dort länger bleiben. Das soll sich mit neuen Sitzmöglichkeiten rund um den Brunnen ändern. Roßwein plant gemeinsam mit einer Werkstatt der Diakonie, ein Parklet aus Holz zu bauen. Für Kinder soll außerdem eine kleine Wasser- und Matschstrecke entstehen. Trienitz erinnert daran, welche Funktion Brunnen früher in Städten hatten: Sie waren Orte, „um sich zu treffen, sich auszutauschen und Begegnung zu schaffen“.Gegenüber liegt eine Blühwiese. Noch trennt ein Zaun sie vom Gehweg, doch künftig soll sie begehbar werden und Schautafeln könnten Pflanzen sowie Tiere erklären. „Sie soll also weiterhin eine Blühwiese bleiben“, sagt Hauptamtsleiterin Michaela Neubert. Aus der bisher nicht zugänglichen Fläche soll damit ein weiterer kleiner Aufenthaltsort werden.
Auch ein leer stehendes Geschäft entlang der Strecke spielt im Projekt eine Rolle. Im ehemaligen Henwi-Kaufhaus könnte zeitweise ein „Flussladen“ entstehen. Lokale Händler, Künstler oder andere Anbieter könnten die Räume als Pop-up-Store nutzen. Ideen und mögliche Partner gebe es bereits, konkreter will die Stadt dazu noch nicht werden. Je weiter es die Mühlstraße hinuntergeht, desto weniger symbolisch wird das Projekt. Auf einer Grünfläche an der Mulde liegen mehrere große alte Mühlsteine. Auch sie sollen bald wieder ein echter Treffpunkt werden.
Rundherum plant die Stadt eine kleine Kulturecke. Historische Stadtrundgänge und Wandertheater könnten hier Station machen. Ein ausgebauter Container soll als „Flussufer-Café“ dienen, das Vereine für Veranstaltungen oder gastronomische Angebote nutzen können. „Was in Leipzig oder Dresden selbstverständlich ist, haben wir in Kleinstädten nicht“, sagt Trienitz. „Wir müssen Orte schaffen, an denen Menschen bleiben können.“
Perspektivisch denkt die Stadt außerdem über Treppenstufen hinunter zur Mulde nach, sagt Trienitz. „Wir haben die Mulde vor der Haustür. Die soll auch erlebbar gemacht werden.“
Dabei denkt Roßwein nicht nur an die eigenen Einwohner. Neubert sieht auch touristisches Potenzial. Wer ohnehin in der Region unterwegs ist, etwa beim nahe gelegenen Karls Erlebnis-Dorf oder an der Mulde entlangfährt, könne einen Abstecher in die Stadt machen. „Es gibt überall viel zu entdecken.“
Bis aus all diesen Ideen ein fertiges Projekt wird, dürfte allerdings Zeit vergehen. Der erste Preis beim Innenstadtwettbewerb liegt bei 60.000 Euro. Für die komplette Umsetzung würde selbst das nicht reichen. Das Geld wäre vor allem „ein Anschub für einen Beginn“, sagt Trienitz. Manches ließe sich leichter umsetzen: etwa die Öffnung der Blühwiese. Anderes bräuchte mehr Planung und Geld. Für das Flussufer-Café gibt es beispielsweise noch kein baugenehmigungsreifes Projekt. Auch Bürgerbeteiligung und Detailplanung stehen erst noch an. Sichtbar werden könnte eine größere Umsetzung deshalb realistisch im Laufe des Jahres 2027.
Und wenn Roßwein bei der Preisverleihung im November leer ausgeht? Dann soll die Idee nicht verschwinden. „Nichts ist umsonst“, sagt Neubert. Der Plan liege dann immerhin auf dem Tisch und könne Stück für Stück weiterverfolgt werden.und Benjamin Woop