Döbelns Schatzkammerder historischen Bücher
Titelgeschichte: Die „Heimlichkeit“ von St. Nicolai war am Denkmaltag geöffnet

Schlusssteine des alten Gewölbes erhielten ihre historische Farbigkeit zurück.
Döbeln. Vor kurzem durfte man sie öffnen: die Tür zu einem Raum, den selbst viele Döbelner noch nie betreten haben. Dahinter stehen dicht an dicht Bücher, die Jahrhunderte überdauerten. Manche sind älter als ein halbes Jahrtausend, tragen schwere Ledereinbände und metallene Schließen, andere kunstvoll von Hand gemalte Anfangsbuchstaben. Rund 4100 Bände umfasst die historische Kirchenbibliothek von St. Nicolai. Zum Tag des offenen Denkmals war die frisch sanierte „Heimlichkeit“ erstmals für Besucher zugänglich. Helmut Bunde, der das jahrelange Projekt begleitet hatte, führte durch den Raum – und zeigte, dass dort nicht nur die Bücher Geschichten erzählen.

Auch Wände und Gewölbe hatten bei der Sanierung etwas preisgegeben. Mit dem Landesamt für Denkmalpflege wurden Farbschichten untersucht. Fachleute stießen auf Spuren sehr früher Gestaltung, die mit bloßem Auge kaum noch zu erkennen war. Bei der Restaurierung griff man auf die älteste nachweisbare Fassung zurück. Gewölbe und Schlussteile erhielten ihre historische Farbigkeit wieder.

Zuletzt war der Bibliotheksraum 1885 umfassend renoviert worden. Auch davon sind Spuren geblieben: Der Fußboden wurde damals erhöht, ein früherer Ausgang in Richtung Kirchturm ist noch sichtbar. In den 1970er Jahren kam ein Wasserschaden hinzu. Für die jüngste Sanierung wurde die Bibliothek im Januar vollständig ausgeräumt. Im Mai konnten die Bücher zurückkehren. Rund 18.000 Euro flossen in die Arbeiten am Raum, weitere etwa 13.000 Euro in Restaurierung, Reinigung und Schutz des Buchbestandes. Denn der eigentliche Schatz sind die Bücher selbst. So reichen die Wurzeln der Sammlung um mehr als 500 Jahre zurück. Bereits um 1500 – so Helmut Bunde – soll ihr Bestand etwa 130 bis 150 Bücher umfasst haben – zu einer Zeit, in der Bücher noch Kostbarkeiten waren. Als Gründungsjahr der Döbelner Bibliothek gilt 1525. Damals vermehrte der in Döbeln geborene Martin Corberius, später Hofprediger in Dresden, den Bestand durch die Schenkung seiner Bücher. Schon 1501 hatte Nicolaus Wild, Geistlicher am Döbelner St.-Georgs-Hospital und später Propst, Bücher vermacht.

Über Jahrhunderte wuchs die Sammlung durch weitere Stiftungen und Nachlässe. Der heutige Wert des Bestandes ist kaum zu beziffern. Neben Bibelausgaben und theologischen Kommentaren finden sich antike Klassiker sowie Werke über Weltgeschichte, Architektur und Bauwerke. Manche Bücher haben handschriftliche Einträge. Das älteste Buch der Bibliothek – so zeigte Bunde – ist ein 1472 in Straßburg gedrucktes „Decretum“, ein Gesetzeswerk der katholischen Kirche. Das älteste deutschsprachige Werk ist Martin Luthers 1529 in Wittenberg gedruckter „Deutsch Catechismus“.

Besonders nah kamen die Besucher den vergangenen Jahrhunderten, wenn der Döbelner eines der alten Bücher zur Hand nahm. Einige frühe Drucke tragen handgemalte, kunstvoll verzierte Initialen. Gedrucktes und Handgemaltes trafen in ein und demselben Buch aufeinander. An einem der schweren Ledereinbände demonstrierte Bunde, wie dessen Verschlüsse funktionieren.

Und dann ist da noch der ungewöhnliche Name des Raumes: „Heimlichkeit“. Er verweist darauf, dass dieser geschützte Ort über Jahrhunderte mehr beherbergte als Bücher. Wie Bunde erklärte, wurden hier in Kriegs- und Notzeiten auch andere Wertgegenstände in Sicherheit gebracht: Geld, Ablassbriefe, Geldkassetten, wertvolles Inventar. Die Heimlichkeit war damit Bibliothek und Schatzkammer zugleich. Dass ein solcher Bestand über Jahrhunderte an einem Ort erhalten blieb, macht die Bibliothek zum besonderen Teil des kulturellen Gedächtnisses der Stadt.

Am Denkmaltag war auch zu sehen, was noch zu tun ist. Fünf Ehrenamtliche – so erzählte der Projektverantwortliche – treffen sich regelmäßig, um den Bestand zu ordnen. Nach dem historischen Register werden die Bücher einsortiert und ihr Zustand erfasst. Mancher Band war seit Jahrzehnten nicht mehr in die Hand genommen worden. Bei vielen reichen fachgerechte Reinigung und Schutzverpackung. Rund 60 Euro kostet das pro Buch. Andere benötigen eine Restaurierung, die etwa 1500 Euro kosten kann. Bei besonders schwierigen Exemplaren kann der Aufwand sogar in den fünfstelligen Bereich gehen. Die Kirchgemeinde sucht deshalb weiterhin Unterstützer und Buchpaten.

Nach dem Denkmaltag schloss sich die Tür der „Heimlichkeit“ wieder. Besichtigungen sind nach rechtzeitiger Anmeldung möglich. Viele ältere Werke wurden inzwischen digitalisiert.

Wer am Sonntag weiter durch St. Nicolai ging, begegnete noch anderen Zeugen der Vergangenheit. Altar und Kanzel gehören ebenso dazu wie der ungewöhnliche „Mirakelmann“. Die lebensgroße bewegliche Christusfigur aus dem späten Mittelalter wurde einst bei Passionsspielen verwendet. Ihre beweglichen Gelenke ermöglichten es, sie ans Kreuz zu bringen und anschließend wieder abzunehmen. Selbst die Seitenwunde gehörte zur mittelalterlichen Inszenierung. Wer noch höher hinaus wollte, konnte schließlich den Kirchturm erkunden – Kaffee inklusive. und Elke Walter-koch



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