Haus und Garten erzählen von ihrer langen Geschichte und verströmen eine besondere Atmosphäre. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie hier einst Kinder auf ihren Holzbänken saßen und dem Lehrer aufmerksam lauschten.
Die alte Schule in Oberranschütz ist weit mehr als ein schönes altes Gebäude. Das denkmalgeschützte Haus wurde 1892 errichtet und gilt als ortsgeschichtlich bedeutend. Mit seiner gründerzeitlichen Putzfassade, den charakteristischen Klinkerlinsen, Fenstergewänden und dem Krüppelwalmdach prägt es bis heute das Bild des Ortsrandes.
Einst wurden auf der Anhöhe zwischen Hermsdorf und Oberranschütz nicht nur die Kinder des Dorfes unterrichtet, sondern auch Schülerinnen und Schüler der umliegenden Gegend.
Seit April 2023 gehört das Gebäude Margit Eichler. Die Leisnigerin hatte gezielt nach einer Bestandsimmobilie gesucht. Gefunden hat sie aber auch einen Ort, der sie fasziniert. „Es war letztlich ein Tipp aus privater Quelle. Wir haben eine ganze Weile überlegt, wie man das Haus sinnvoll nutzen kann“, erzählt sie.
Gemeinsam mit ihrem Sohn Felix Keller haucht sie der alten Schule nun neues Leben ein. Beim Vor-Ort-Termin berichten beide von ihren Plänen und ihrer Vision für das historische Gebäude.
Der erste Bauabschnitt konzentriert sich auf die ehemalige Lehrerwohnung im Obergeschoss und wird über das Leader-Programm mit 100.000 Euro gefördert. Dort soll Felix Keller, Lehrer für Mathematik und Physik in Dresden, Ende des ersten Quartals kommenden Jahres einziehen – vorausgesetzt, die Sanierungsarbeiten verlaufen weiterhin planmäßig und bringen keine unvorhergesehenen Überraschungen mit sich.
Für den 45-Jährigen bedeutet das Projekt zugleich eine Rückkehr in die alte Heimat. Im Haus, so zeigt er, ist noch erstaunlich viel historische Substanz erhalten. Alte Türen und Türrahmen werden mit großer Sorgfalt restauriert. Im ehemaligen Schulhaus stehen noch Möbel aus vergangenen Jahrzehnten, die später durch historische Sammlerstücke ergänzt werden sollen. Selbst ein Brunnen gehört zum Ensemble. Hinter dem Gebäude erinnern die früheren Außentoiletten an die Zeit, als hier täglich Kinder ein- und ausgingen. Die vergangenen drei Jahre waren geprägt von zahllosen Entscheidungen, erzählen Mutter und Sohn. Was kann erhalten, was muss erneuert werden? Das Dach war in einem schlechten Zustand und musste vollständig neu gedeckt werden. Heute schützen wieder Biberschwanzziegel das Gebäude.
Der Dachstuhl wurde instandgesetzt, die Fassade an unzähligen kleinen Stellen ausgebessert. Vieles geschieht in Eigenleistung – Stein für Stein, Tür für Tür. Doch die alte Schule soll nicht nur ein Zuhause werden. Margit Eichler verbindet mit dem Haus eine Vision, die weit über das Wohnen hinausgeht. Im Erdgeschoss entsteht unter dem Namen „LandKultur Alte Schule Oberranschütz“ ein soziokultureller Begegnungsort.
Das Projekt wird durch das europäische Leader-Programm im Handlungsfeld „Grundversorgung und Lebensqualität“ mit 137.083,58 Euro gefördert. Entsprechend der Antragstellung sollen hier künftig Workshops, Lesungen, Vorträge, Ausstellungen, Filmabende, Spielenachmittage und kleine Konzerte stattfinden. Entstehen soll ein Ort, der Kultur, Bildung und Gemeinschaft miteinander verbindet und Menschen aller Generationen offensteht.
Die Musik spielt dabei eine besondere Rolle. Margit Eichler musiziert seit den 1990er Jahren und spielt Saxofon. Eine kleine Bühne gehört deshalb fest zu ihren Plänen. Sie wünscht sich Konzerte in familiärer Atmosphäre, kulturelle Abende und einen Ort, an dem Menschen miteinander ins Gespräch kommen.
Auch draußen soll der Charakter des Grundstücks erhalten bleiben. Der Garten wird bewusst naturnah gestaltet. Hohe Bäume, Wiesen und historische Strukturen schaffen schon heute eine Atmosphäre, die entschleunigt und den Blick auf das Wesentliche lenkt.
Möglich wird das ambitionierte Vorhaben auch und vor allem durch die Unterstützung aus dem Leader-Programm. Gefördert werden sowohl die Sanierung der ehemaligen Lehrerwohnung als auch der spätere Umbau des Erdgeschosses zu barrierefreien Begegnungsräumen. Ohne diese Hilfe, sagt Margit Eichler, wäre ein Projekt dieser Größenordnung kaum zu bewältigen gewesen. So beginnt für die Alte Schule in Oberranschütz weit mehr als ein neues Baukapitel. Ein Haus, das über Generationen Wissen vermittelte und später eine Kindertagesstätte beherbergte, wird künftig erneut Menschen zusammenführen – nicht mehr im Unterricht, sondern bei Musik, Kultur und Begegnung. Ganz im Sinne seiner Erbauer und der Inschrift über der Eingangstür. „Der Jugend zum Heile“ mag heute auf den ersten Blick altertümlich wirken. Auf den zweiten Blick beschreibt sie zeitlos, worum es damals wie heute geht: einen Ort zu schaffen, an dem Menschen lernen und Gemeinschaft erleben.
und Elke Walter-Koch