Nina Beyer ist Schornsteinfegermeisterin. Eine von immer noch wenigen in der Branche. Seit sechs Jahren betreut sie als eine von nur zwei Frauen im Landkreis Mittelsachsen einen eigenen Kehrbezirk, ist zuständig für Hunderte Haushalte im Striegistal, Kriebstein, Waldheim, Grunau, Roßwein und Rossau.
Obwohl das Schornsteinfegerhandwerk im Vergleich zu anderen klassischen Bauberufen einen der höchsten Frauenanteile hat, sind es bundesweit immer noch lediglich zehn bis 15 Prozent. Als Nina Beyer vor elf Jahren ihre Ausbildung zur Schornsteinfegerin aufgenommen hat, waren Frauen hier noch die große Ausnahme. „Wir waren drei Mädels unter 28 Azubis in der Klasse“, erzählt sie.
Nina Beyers Weg in den Job ist genauso ungewöhnlich und turbulent wie ihr Leben, seit sie das Abitur abgeschlossen hat. Sie stammt aus Rendsburg in Schleswig-Holstein und wollte – will es eigentlich immer noch – Jura studieren. Weil das nicht gleich klappte, sollte erst einmal eine Ausbildung zur Überbrückung her. „Ich hatte die Wahl zwischen Autowerkstatt und Schornsteinfeger“, sagt sie und lacht. Obwohl ihr Großvater und der Onkel Männer in Schwarz sind, hat sie damals keine Ahnung, was wirklich hinter dem Job steckt. „Ich wusste nur, der klettert aufs Dach und hat einen Besen.“
Dass zum Schornsteinfegerhandwerk weit mehr gehört, lernt sie schnell. „Das ist ein traditionelles und mittlerweile hochspezialisiertes Gewerbe, wir spielen eine wichtige Rolle im Bereich der Umwelt- und Gebäudesicherheit.“ Und der Job macht ihr tatsächlich Spaß, auch wenn sie nicht auf die alte Schule steht, die ihr oftmals begegnet.
Innerhalb von zwei Jahren beendet sie die Ausbildung, und meldet sich – im Gegensatz zu den meisten anderen, die nach der Ausbildung erst noch Erfahrungen sammeln und sich später selbstständig machen – vor dem Abschluss der Gesellenprüfung für die Meisterschule an. Nina Beyer liebt die Herausforderung. Und sie will ihr eigener Chef sein.
Zwei Jahre später hat sie nicht nur ihren Meister in der Tasche, sondern auch noch den Abschluss als Energieberaterin. Der Einstieg in einen eigenen Kehrbezirk in Bayern, wo sie inzwischen ausbildungsbedingt gelandet ist, funktioniert nicht wie gewünscht. 120 Bewerbungen schreibt die junge Frau – und stößt zum ersten Mal richtig auf Vorbehalte. „Ich war jung, eine Frau und nicht aus Bayern“, fasst sie zusammen, was sie als Grund für die Ablehnungen vermutet. Nicht nur in Sachsen werden Schornsteinfegermeister gesucht. Immer wieder müssen Kehrbezirke durch die Behörde aufgeteilt werden, weil keine Meister zur Verfügung stehen, die sie übernehmen wollen.
Nina Beyer verschlägt es schließlich nach Mittelsachsen. Nach 13 verschiedenen Arbeitsplätzen ohne Festanstellung schreibt sie nach dem Hinweis einer Bekannten eine einzige Bewerbung in Sachsen und bekommt den Kehrbezirk Striegistal zugesprochen. Innerhalb kürzester Zeit muss sie sich umorientieren. „Ich hatte 24 Stunden Zeit, mir ein Auto zu beschaffen, und hab in Marbach eine Wohnung angemietet.“
Dem stressigen Start folgen anderthalb nicht minder stressige Jahre, in denen sie zwischen Bayern und Sachsen pendelt, ihre Tochter zur Welt bringt und sich vom Vater des Kindes scheiden lässt. Sie will zurück nach Schleswig-Holstein ziehen und dort einen Kehrbezirk übernehmen. Es kommt anders.
Im Arbeitsalltag begegnet sie ihrem jetzigen Mann. Beide getrennt, beide mit Kindern. Es funkt und Nina Beyer bleibt in Sachsen. Die Herausforderungen werden nicht kleiner, das Leben nicht langsamer. Für Nina Beyer passt das: „Ich langweile mich schnell“, gesteht sie und lacht. Als Frau muss man grundsätzlich 30 Prozent mehr leisten, um überhaupt ernst genommen zu werden.
Sie macht ihre Erfahrungen damit, abgestempelt zu werden als eine, die ohnehin nicht weiß, was sie tut – weil sie jung ist, weil sie eine Frau ist. Doch Nina Beyer weiß damit umzugehen, nimmt vieles einfach nicht persönlich. Und sie macht den Mund auf. „Ich bin schon in der Schule immer für mich eingestanden.“
Nicht nur als Frau, auch als „blöder Handwerker“ werde man schon mal betitelt. Nina Beyer weiß es einfach besser. Schornsteinfeger gehört in der Berufsschule zu den schwierigeren Handwerksberufen. Chemie, Mathematik, Verbrennungslehre, gesetzliche Grundlagen, Arbeitsschutz – wer schon die Schule nur mit Ach und Krach schafft, hat’s schwer. Es ist eine der Ursachen, warum die Branche händeringend auf der Suche nach Azubis ist.
Ein Grund mehr, junge Frauen für den Job zu begeistern, der genauso wie viele andere Berufsbilder im Wandel ist. Studienaussteigerinnen, Quereinsteigerinnen und Akademikerinnen sind in der Branche willkommen auf dem Weg zur Schornsteinfegerin. Die fortschreitende Digitalisierung macht das Handwerk interessanter. Die körperliche Belastung wird weniger, dafür nehmen Beratungsfunktionen, ganz besonders Gebäudeenergieberatungen bei Kunden, einen großen Anteil ein.
„Frauen leisten oftmals gründlichere Arbeit“, sagt Nina Beyer, warum aus ihrer Sicht ihre Geschlechtsgenossinnen sehr wohl gut geeignet sind für den Schornsteinfegerberuf. Gymnasiastin Anni Langer, die für zwei Wochen beim Praktikum in den Job schnuppern konnte, bestätigt das. Körperlich herausfordernd ist die Arbeit nur bedingt. „Leiter und Messkoffer sind das Schwerste, was man tragen muss. Aber ja, ein bisschen sportlich zu sein, schadet nicht“, sind sich die beiden jungen Frauen einig.
Hilfreich ist auch, wenn man gern mit Menschen redet. „Der Job ist abwechslungsreich – mal geht’s aufs Dach zum Kehren, mal in den Keller zum Heizungmessen.“ Nina Beyer schätzt an ihrer Arbeit im eigenen Kehrbezirk zudem die Flexibilität – als Mehrfach-Mutter ein Vorteil, den sie sich an anderer Stelle als Selbstständige gewünscht hätte.
Einen Tag vor der Entbindung ihres ersten Kindes stand Nina Beyer noch auf dem Dach, zwei Wochen nach der Geburt hat sie wieder gearbeitet. Bei ihrem zweiten Kind hat sie sich damit vier Wochen Zeit gelassen, saß aber nach einem Tag wieder am Schreibtisch. Sie ist eine Powerfrau, Grenzen gibt es dennoch.
Seit einem Jahr dürfen angestellte Meister den Chef bei Feuerstättenschauen vertreten – das wäre eine große Entlastung – beispielsweise nach den Entbindungen gewesen, oder auch generell für sie als Mutter, wenn etwa die Kinder krank sind. Ihr Angestellter ist kein Meister, da besteht diese Möglichkeit nicht. Froh ist sie dennoch, ihn zu haben. „Ich brauche zuverlässige Mitarbeiter, die eigenständig arbeiten.“
Nina Beyer ist glücklich mit ihrem Beruf. Manchmal, sagt sie, fehlt ihr eine neue Herausforderung. Das Jura-Studium interessiert sie immer noch, Richterin würde sie gern werden. Der Weg dahin aber ist lang.
und M. Engelmann-Bunk