Während der Tour erklärte Arndt Patzig den Namen „Bankrottmeile“, den der Streckenabschnitt nicht von ungefähr bekommen hat. So bezeichnet der Volksmund bis heute die Verbindung zwischen Waldheim und Limmritz auf der Bahnstrecke Riesa–Chemnitz.
Auf einer Strecke von nur 7,5 Kilometern mussten Mitte des 19. Jahrhunderts gleich sechs gewaltige Viadukte mit gigantischen Stützmauern und aufwendigen Erdarbeiten ausgeführt werden. Die Baukosten waren derart hoch, dass die private Chemnitz-Riesaer Eisenbahn-Gesellschaft in finanzielle Schwierigkeiten geriet.
Bereits während der Bauzeit kam es wegen ausbleibender Lohnzahlungen zu Streiks der Arbeiter. Die politischen Unruhen der Revolution von 1848 verschärften die Situation zusätzlich. Schließlich war die Gesellschaft zahlungsunfähig und wurde 1850 vom sächsischen Staat übernommen. Der Name „Bankrottmeile“ erinnert bis heute an den finanziellen Ruin der einstigen Bahngesellschaft.
Besonders beeindruckend ist, dass sich auf diesem kurzen Streckenabschnitt eine außergewöhnliche Konzentration von Großbauwerken befindet. Nirgendwo sonst zwischen Riesa und Chemnitz mussten die Ingenieure derart viele natürliche Hindernisse überwinden. Das tiefe Zschopautal mit seinen zahlreichen Seitentälern zwang die Planer immer wieder dazu, gewaltige Brücken zu errichten.
Zu den Bauwerken zählen das Limmritzer Viadukt, das Saalbacher Viadukt, das Steinaer Viadukt, das Viadukt Kummersmühle, das Diedenhainer Viadukt und das Heiligenborner Viadukt. Noch heute gelten sie als herausragende Ingenieurleistungen ihrer Zeit.
Allein das Diedenhainer Viadukt ragt mehr als 50 Meter über das Tal. Hinzu kommt bei Waldheim eine rund 370 Meter lange Trockenstützmauer, die als eine der größten Eisenbahnstützmauern Europas gilt. Tausende Kubikmeter Naturstein wurden für die Bauwerke verbaut. Dabei standen den Arbeitern weder moderne Maschinen noch technische Hilfsmittel zur Verfügung. Mit Schaufeln, Pickeln und Schubkarren bewegten sie gewaltige Erdmassen und errichteten die Viadukte Stein für Stein in Handarbeit. Zeitweise waren mehrere hundert Arbeiter gleichzeitig auf den Baustellen beschäftigt.
Während der Wanderung konnten die Teilnehmer die beeindruckenden Bauwerke aus nächster Nähe erleben. Doch nicht nur die Eisenbahngeschichte beeindruckte die Gruppe. Der Weg führte durch die reizvolle Landschaft des tief eingeschnittenen Zschopautals, vorbei an Wäldern, Wiesen und markanten Felsformationen. Immer wieder eröffneten sich Ausblicke auf die Zschopau und ihre Seitentäler. Auch die sagenumwobene Waldheimer Nixkluft liegt entlang der Strecke.
Unterwegs blieb ausreichend Zeit für Gespräche, historische Erläuterungen und kleine Pausen in der Natur. Die Teilnehmer erfuhren dabei nicht nur Wissenswertes über die Entstehung der Bahnstrecke, sondern auch über die Herausforderungen, denen sich die Ingenieure und Arbeiter vor mehr als 170 Jahren stellen mussten. Nach über drei Stunden erreichten die Wanderer ihr Ziel in Limmritz. Dort wurden sie vom Feuerwehrverein am Dorfgemeinschaftshaus empfangen, wo Kaffee, Kuchen und kleine Imbisse auf die Teilnehmer warteten.
Die Wanderung verband auf anschauliche Weise Heimatgeschichte, Naturerlebnis und Bewegung. Für viele Teilnehmer wurde dabei deutlich, warum dieser kurze Streckenabschnitt bis heute zu den bekanntesten Eisenbahnabschnitten Sachsens gehört. Wer heute entlang der Bankrottmeile wandert, erlebt nicht nur die Schönheit des Zschopautals, sondern bewegt sich zugleich auf den Spuren eines Bauprojektes, das einst zu den kühnsten und teuersten Eisenbahnvorhaben Sachsens gehörte. und Elke Walter-Koch