Vor einer Woche ließ Insolvenzverwalter Dr. Christian Heintze, wie in einer Mitarbeiterversammlung angekündigt, die Produktionsanlagen geordnet herunterfahren. Für die 230 Mitarbeiter von Panaria Deutschland war am Dienstag der letzte Arbeitstag. 150 von ihnen arbeiten am Hauptstandort in Leisnig. Mit dem Ende des dreimonatigen Insolvenzausfallgeldes sind sie ab dem 1. Juli freigestellt. Die Arbeitsagentur Mittelsachsen kommt in dieser Woche noch ins Werk mit Beratungen und Jobangeboten.
Die neuen Eigentümer des Werkes, die TWO Family Office aus Singapur und die Meta Wolf AG aus Deutschland, wollen beim geplanten Neustart 2027 etwa 150 Arbeitsplätze im Leisniger Fliesenwerk wieder besetzen. So lange wollen die meisten der Kollegen aber nicht warten.
„Die Kolleginnen und Kollegen wollen schnellstmöglich wieder eine neue Arbeit aufnehmen“, sagt Stefan Kothe (26), Personalreferent der Panaria-Group in Leisnig. Viele hätten Familie und Kinder oder ein Häuschen abzubezahlen. Sie könnten und wollten es sich schlicht nicht leisten, im Arbeitslosengeldbezug mit etwas mehr als 60 Prozent ihrer bisherigen Löhne darauf zu hoffen, dass die neuen Eigentümer das Fliesenwerk wieder hochfahren.
Personaler Stefan Kothe und ein kleines Team haben deshalb jetzt gemeinsam mit der Belegschaft eine Kampagne gestartet. Auf verschiedensten Social-Media-Kanälen, in einer Branchenzeitschrift der Keramikindustrie und in lokalen Medien läuft die Aktion unter dem Motto: „Wir suchen keinen Investor mehr - wir suchen Arbeitgeber.“
„Über 200 engagierte Kolleginnen und Kollegen aus Produktion, Technik, Vertrieb, Export, Marketing, Logistik, Einkauf, Personalwesen, Buchhaltung, IT, Qualitätsmanagement und Verwaltung stehen aktuell vor einer ungeplanten beruflichen Neuorientierung. Nach vielen Monaten voller Hoffnungen, Gesprächen und Rettungsversuchen hat unser Unternehmen leider keine Zukunftsperspektive gefunden“, schreibt die Belegschaft. Am Hauptsitz in Leisnig in Sachsen, aber auch Bremen und Mühlacker im Enzkreis (Baden-Württemberg) wenden sich die Fliesenwerker an die regionalen Arbeitgeber ganz offensiv mit einer guten Nachricht: „Sie müssen neue Mitarbeitende nicht einzeln suchen – es gibt sie bereits bei uns."
Und dann folgt eine Aufzählung: Fachkräfte für Produktion und Technik, Marketing-Fachkräfte und Grafikdesigner, Produktmanagement und Produktentwicklung, Vertriebsprofis im Innen- und Außendienst, Export- und Logistikexperten, Kaufmännische Mitarbeitende, Spezialisten für Personal, Entgeltabrechnung und Arbeitsrecht, Finanz- und Controlling-Profis, Führungskräfte mit langjähriger Erfahrung.
All diese Mitarbeitenden zeichne Leistungsbereitschaft auch in schwierigen Zeiten, Erfahrung, Loyalität und Teamgeist, Verantwortungsbewusstsein und Flexibilität aus. Es seien Menschen, die Herausforderungen meistern und Lösungen finden. „Wir haben in den vergangenen Monaten bewiesen, dass wir auch unter schwierigen Bedingungen professionell arbeiten, Verantwortung übernehmen, gemeinsam anpacken und da weiterkämpfen, wo andere längst aufgehört haben. Leider konnte unser Unternehmen dennoch nicht gerettet werden. Unsere Mitarbeitenden dagegen schon“, so der Personalreferent.
Die Initiatoren hoffen, dass die Kampagne jetzt vielfach im Netz geteilt wird. So sollen viele potenzielle Arbeitgeber darauf aufmerksam werden und über Personaler Stefan Kothe Kontakt aufnehmen. Erste Arbeitgeber aus der Region wie Cotesa aus Mittweida und Mochau oder Anona aus Colditz haben bereits reagiert. „Unser Ziel ist es, möglichst viele Kolleginnen und Kollegen in kürzester Zeit in ihrer Heimatregion wieder in Lohn und Brot zu bringen“, so Stefan Kothe.
und Thomas Sparrer