Zum 70-jährigen Jubiläum der Glockenweihe der Harthaer Kirchenglocken hat er die Geschichte des Geläuts aufgearbeitet und eine kleine Ausstellung vorbereitet. Drei Tafeln stehen nun in der Harthaer Kirche. Sie zeigen Dokumente, Bilder und Daten aus mehreren Jahrhunderten. Stuhr, selbst in der evangelischen Kirche, interessiert sich schon lange für historische Details. „Das liegt wohl in der Familie“, sagt er. Auch sein Großvater Fritz Stuhr gehörte zur Kirchgemeinde.
Die Geschichte der Harthaer Glocken, so zeigt Stuhrs Ausstellung, reicht weit zurück. Nachdem am 17. März 1636 bei einem Stadtbrand 21 Häuser, die Schule und die Kirche zerstört wurden, gibt es kaum ältere Dokumente zur Stadt. Noch im selben Jahr wurde in Wittenberg eine mittlere Glocke gegossen. Weitere Glocken folgten 1695 und 1696. Sie trugen Inschriften und Sprüche, die den Klang nicht nur als akustisches Zeichen verstanden, sondern als Ruf zum Glauben.
Doch immer wieder griff die große Geschichte in das Leben der Kirchgemeinde ein. Im Ersten Weltkrieg mussten Glocken für Kriegszwecke abgegeben werden. 1917 wurde die große Glocke ausgebaut und später eingeschmolzen. Zwei ältere Glocken konnten zunächst wegen ihres kulturhistorischen Wertes zurückgestellt werden. Nach dem Krieg entschloss sich der Kirchenvorstand zu einem neuen Geläut. 1922 kamen vier neue Bronzeglocken aus Apolda nach Hartha und wurden am 9. Juli geweiht.
Auch dieses Geläut blieb nicht verschont. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Bronzeglocken erneut beschlagnahmt und der Rüstungsindustrie zugeführt. Nur die kleinste Glocke durfte im Turm bleiben. 1948 erhielt die Kirchgemeinde die Nachricht, dass die drei beschlagnahmten Glocken „ein Opfer des Krieges“ geworden seien.
So begann nach 1945 erneut die Suche nach einem Geläut für Hartha. 1954 beauftragte der Kirchenvorstand die Glockengießerei Schilling und Lattermann mit vier neuen Hartgussglocken. 1955 wurde ein neuer Glockenstuhl in Auftrag gegeben. Im Mai 1956 trafen die Glocken am Harthaer Bahnhof ein.
Der 3. Juni 1956 wurde für Hartha zu einem besonderen Tag. In einem festlichen Zug wurden die neuen Glocken vom Bahnhof zur Stadtkirche gebracht. Um 9 Uhr begann die Glockenweihe. Anschließend wurden die vier Glocken von der Freiwilligen Feuerwehr Hartha in den Turm gezogen. 5000 bis 6000 Menschen sollen damals auf den Beinen gewesen sein, sagt Stuhr. Weil die Kirche die vielen Besucher nicht fassen konnte, wurde die Weihe mit Lautsprechern auf den Friedhof und den Kirchvorplatz übertragen.
Seitdem prägen vier Glocken das Geläut der Stadtkirche. Die größte ist die Rufglocke mit einem Gewicht von 1860 Kilogramm und einem Durchmesser von 1,72 Metern. Ihr Spruch lautet: „O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort.“ Die Vaterglocke wiegt 1150 Kilogramm, die Sohnesglocke 780 Kilogramm und die Geistesglocke 550 Kilogramm. Jede von ihnen trägt nicht nur einen biblischen Spruch, sondern auch ein Symbol: Engelbild, Alpha und Omega, Christusmonogramm und Taube. Für Manuel Stuhr sind diese Angaben mehr als Zahlen. Sie erzählen von Verlust und Neubeginn, von Krieg und Frieden, von Menschen, die immer wieder dafür sorgten, dass Hartha eine Stimme behielt. Die Ausstellung macht sichtbar, wie eng Kirchengeschichte, Stadtgeschichte und Familiengeschichte miteinander verwoben sind.
Wenn die Glocken heute erklingen, ist darin also nicht nur ihr Ton zu hören, sagt er. Es klingt auch die Erinnerung an jene mit, die sie gegossen, gestiftet, geläutet, verloren und wieder ersetzt haben. Ein Grund, warum Glocken mehr sind als Metall im Turm: Sie rufen nicht nur zur Kirche. Sie erzählen davon, was eine Stadt erlebt hat.
Die Ausstellung ist zu Veranstaltungen und Gottesdiensten in der Harthaer Stadtkirche zu besichtigen. Auf Anfrage wird die Kirche auch für Führungen geöffnet.
und E. Walter-Koch