„Jedes Möbel bekommt eine neue Chance. Genau wie die Menschen“, sagt Filialleiterin Anja Hüter. Die 46-Jährige leitet den Döbelner Standort seit Jahren mit sichtbarer Leidenschaft. „Ich liebe meinen Job über alles“, sagt sie. „Ich mag schöne und ästhetische Dinge und freue mich, wenn Menschen hier etwas finden, das sie glücklich macht.“ Auch Fuhrparkleiter Rico Wittkowski sieht in der Arbeit weit mehr als nur Möbeltransport oder Verkauf. „Die Kunden sehen oft nur den Servicebereich“, sagt der 57-Jährige. „Aber dahinter steckt unglaublich viel soziale Arbeit.“ Es gibt den Wunsch, dass dieses Potenzial noch stärker wahrgenommen werde – auch von Behörden und Institutionen.
MöbelWert Döbeln gehört zum Netzwerk-Verein Mittweida mit weiteren Standorten in Mittweida, Freiberg, Chemnitz und Frankenberg. Das Netzwerk selbst besteht bereits seit rund drei Jahrzehnten, der Döbelner Standort feierte 2023 sein zehnjähriges Bestehen. Trotzdem hört Anja Hüter noch immer oft einen Satz: „Wir wussten gar nicht, dass es das in Döbeln gibt.“
Dabei ist das Angebot mehr als breit gefächert. Gespendet werden Möbel, Hausrat, Kleidung, Elektrogeräte und alles andere, was in Haushalten nicht mehr benötigt wird. Die Gegenstände werden sortiert, gereinigt, repariert und anschließend wieder verkauft. „Der Kreislauf muss funktionieren“, erklärt Hüter. „Wir stellen uns auf die Nachfrage ein.“
Besonders gefragt sind derzeit Küchen, Elektrogeräte, Polstermöbel, Betten oder Kindermöbel. Antike Möbel oder typische DDR-Einrichtungen würden dagegen deutlich seltener als noch vor Jahren gekauft. „Dafür ist hier nicht das richtige Pflaster. In Leipzig sieht das anders aus“, sagt die Filialleiterin. Dafür gelte der Laden inzwischen als Geheimtipp für besondere Einzelstücke und günstige Alltagsgegenstände.
Auch die Boutique ziehe viele Kunden an. Ein Großteil der gespendeten Kleidung sei gewaschen und in Ordnung. Alles andere werde konsequent aussortiert. „Die Sachen sind extrem günstig, manches fast neuwertig“, erzählt Hüter. In anderen Filialen sei die Boutique deutlich kleiner.
Doch Möbel-Wert ist weit mehr als ein Second-Hand-Geschäft. Hinter den Kulissen spielt soziale Arbeit eine zentrale Rolle. Menschen mit psychischen Erkrankungen, Suchterfahrungen oder anderen schweren Lebensbrüchen finden hier einen geschützten Einstieg zurück in geregelte Abläufe. Andere kommen über Projekte, Praktika oder soziale Maßnahmen. Auch Kooperationen mit Einrichtungen wie der Tagesklinik gehören dazu.
„Wir schauen gemeinsam, was möglich ist“, sagt Hüter, die ursprünglich aus Thüringen stammt und Sozialpädagogin mit Zusatzausbildung ist. Früher arbeitete sie unter anderem in einem Frauenhaus Leipzig in der Öffentlichkeitsarbeit. Heute begleitet sie – zusammen mit Rico Wittkowski – Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen. Manche beginnen vorsichtig mit einzelnen Aufgaben im Verkauf, andere probieren sich in der Reinigung, im Kundenkontakt oder in kleinen Werkstattbereichen aus.
In Mittweida gehören sogar eine Holz- und Fahrradwerkstatt, eine Polsterei und eine Näherei zum Netzwerk. Elektrogeräte werden von einem Elektriker geprüft, Möbel bei Bedarf aufgearbeitet. „Es gibt unglaublich viele Arbeitsfelder“, sagt Hüter. Etwa 30 Menschen arbeiten im Durchschnitt zeitversetzt für den Döbelner Standort, darunter vier Festangestellte.
Viele der Menschen, die hier anfangen, bringen schwierige Biografien mit. Manche kämpfen mit Suchterkrankungen, andere mit psychischen Belastungen oder langen Phasen ohne Arbeit. „Man muss ihnen Zeit geben und darf keinen Druck machen“, sagt Hüter. „Geduld ist ganz wichtig.“ Dass sich diese lohnt, erlebt das Team immer wieder. Einige ehemalige Mitarbeiter hätten inzwischen ihren Weg gefunden und kämen vorbei, um Danke zu sagen. „Darauf sind wir stolz“, sagt sie.
Nachhaltigkeit sei nur ein Teil des Konzepts. Es gehe ebenso darum, Menschen Perspektiven zu geben. „Wir haben inzwischen sicher Hunderte Schicksale begleitet“, sagen Hüter und Wittkowski. „Und es ist schön zu sehen, wenn jemand wieder Anerkennung bekommt und merkt, dass er sich nicht verstecken muss.“ und e. walter-koch