Seit 1986 kümmern sich die Familien Geißler und Wolf um das technische Denkmal. Eigentlich hatten sie damals nur das Wohnhaus gekauft. Die Mühle gehörte dazu. „Es war eine Frage der Verantwortung“, sagt Harald Wolf heute. Damals ahnte niemand, wie viel Arbeit, Geld und Hingabe nötig sein würden, um die alte Windmühle für kommende Generationen zu erhalten. Die Geschichte des Bauwerks reicht bis ins Jahr 1860 zurück.
Ursprünglich entstand die Mühle als Bockwindmühle, später wurde sie in den Fünfzigerjahren zur Paltrockwindmühle umgebaut. Seitdem steht sie auf einem Ringfundament mit Zahnkranz und kann komplett in den Wind gedreht werden. Früher geschah das mühsam per Hand, heute übernimmt ein Elektromotor diese Aufgabe. Rund eine Stunde dauert es, bis sich das tonnenschwere Bauwerk einmal um seine Achse gedreht hat.
Besonders eindrucksvoll sei das bei Sturm, erzählt Harald Wolf. „Da ächzt die ganze Mühle.“ Früher besaß sie sogenannte Jalousieflügel, die sich bei starkem Wind automatisch verstellen konnten. Heute drehen sich Türflügel aus Lärchenholz im Wind.
Als die Familien die Mühle übernahmen, waren nur noch Reste der alten Flügel vorhanden. Erst durch Fördermittel und Unterstützung im Jahr 2000 konnte die Anlage nach und nach restauriert werden. Rollen, Träger, Dach und Außenschalung mussten erneuert werden, ebenso zahlreiche Balken und Holzteile.
Vieles entstand parallel in Eigenleistung oder wurde über Spenden finanziert. Doch eine Windmühle ist niemals „fertig“. Holzschutzarbeiten, Wartung und Reparaturen gehören bis heute zum Alltag. Allein die Flügel müssen regelmäßig behandelt werden. „Es steckt unglaublich viel Arbeit darin“, sagt Wolf, der inzwischen im Ruhestand ist und nun – zusammen mit dem Rest der Familie – etwas mehr Zeit für die Mühle hat.
Im Inneren scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die komplette Technik ist noch vorhanden – so, wie sie bis Ende der 1970er-Jahre genutzt wurde. Besucher können nachvollziehen, wie Getreide geschrotet, gemahlen, abgesackt und mit einem einfachen Fahrstuhl transportiert wurde. Selbst der Müller nutzte diesen offenen Aufzug früher. Vom Keller bis unters Dach zieht sich der Transmissionsantrieb durch das Gebäude. Zahnräder, Wellen und Riemen greifen ineinander – ein faszinierendes Zusammenspiel aus alter Technik und späteren Ergänzungen.Müller – so erzählt Wolf – mussten früher weit mehr können als nur mahlen. Sie waren zugleich Techniker, Handwerker und Wetterbeobachter. Denn Wind ließ sich nicht planen. Oft musste nachts gearbeitet werden, wenn die Bedingungen günstig waren. Dafür gab es sogar eine kleine Schlafstelle in der Mühle. Gefährlich war die Arbeit ebenfalls: Bei Sturm mussten die Flügel rechtzeitig außer Wind gedreht werden.
Gelang das nicht, konnte durch Reibung enorme Hitze entstehen – nicht wenige Mühlen brannten auf diese Weise ab. Trotz aller Mühen galt die Gersdorfer Mühle einst als wichtiger Ort im Dorf. Sie war für ihr gutes Mehl bekannt. Rundherum existierten Schmiede, Sattler und Stellmacher – jedes Handwerk war für den Betrieb wichtig. Gerade in Kriegszeiten kamen Menschen mit kleinen Mengen Getreide zur Mühle und erhielten dafür ihr Mehl zurück.
Heute öffnet die Mühle zweimal im Jahr, zum Mühlentag und zum Tag des offenen Denkmals, ihre Türen. Dann wird die Technik noch einmal in Bewegung gesetzt, es wird gemahlen, erklärt und erzählt. Zwischen Feldern und weitem Himmel wirkt die schöne alte Windmühle im Sommer wundervoll romantisch. Im Winter dagegen zeigt sich die windige und ungeschützte Anhöhe oft rau und unwirtlich. Wind, Regen und Schnee konnte das historische hölzerne Bauwerk bis heute weitestgehend standhalten. Vielleicht ist die Paltrockwindmühle Gersdorf gerade deshalb zu einem Symbol geworden – für Beharrlichkeit, Heimatverbundenheit und den Wunsch, Geschichte lebendig zu halten.
und Elke Walter-Koch