„Hier ist es nie langweilig“
Von Ulbrichts Privatloge bis zu den Bienen auf dem Dach: Event-Managerin Steffi Weppernig kennt die verborgenen Ecken der Oper Leipzig

Auf Entdeckungsreise auch in der Garderobe der Leipziger Oper: Eventmanagerin Steffi Weppernig kennt alle Geheimnisse des Opernhauses im Herzen der Messestadt Leipzig.Fotos: Wolfgang Sens
Leipzig. Der erste Schritt ins Treppenhaus am Bühneneingang der Leipziger Oper ist eine Reise in eine andere Zeit. Der DDR-Charme, den das Haus versprüht, wird sofort spürbar. Ein spezieller Geruch liegt in der Luft – nach Linoleumfußboden und Theaterstaub. Steffi Weppernig lacht, wenn man sie darauf anspricht. Sie kennt diesen „Duft“, atmet ihn täglich. Er ist eine Selbstverständlichkeit hier an ihrem Arbeitsplatz.

Weppernig arbeitet seit 35 Jahren an der Oper, sie kennt jeden Winkel des Hauses und will heute in die Ecken führen, die Besuchern normalerweise vorenthalten sind. „Ich bin die Frau für alles“, stellt sich die 59-Jährige vor, während sie zielstrebig und mit schnellen Schritten einen langen Gang entlang läuft. Rechts ziehen Türen vorbei, die mit Namen beschriftet sind. Wen Steffi ­Weppernig hier allein ließe, der wäre wohl verloren. „Aus diesem Labyrinth findet man nicht so schnell wieder heraus“, sagt sie. Als sie damals an der Oper anfing, habe sie sich auch mehrfach verlaufen.

Steffi Weppernig ist Event-Managerin und Büroleiterin – das ist die offizielle Bezeichnung. Inoffiziell ist sie das institutionelle Gedächtnis des Hauses, die Koordinatorin, die weiß, wann welches Flipchart in welchem Probenraum steht, welche Toiletten vor einer Veranstaltung aufgeschlossen werden müssen und wie viele Wickeltische man für ein Baby-Konzert bereitstellen sollte.

Als erstes führt sie ins Parkettgeschoss, wo die Garderoben der Sängerinnen und Sänger untergebracht sind. In einem kleinen Raum stehen ein Schminktisch, ein großer Spiegel, eine alte Couch – an den Fenstern hängen dicke, gelbe Vorhänge. Funktional, kein Schnickschnack. „Die Garderoben sind streng geteilt in die Damen- und Herrenseite“, erklärt Weppernig. Jeder Solist hat einen eigenen Raum. Gäste müssen sich den mitunter teilen.

Vieles hat sich verändert in den letzten 35 Jahren – angefangen bei der Technik. Anfangs tippte Weppernig Dokumente auf einer Schreibmaschine und arbeitete mit einem Telex-Gerät, einer Art Vorläufer des Fax-Geräts, mit dem Nachrichten verschickt wurden. Heute läuft fast alles digital.

Auch das Miteinander habe sich verändert. Udo Zimmermann war der erste Intendant, der die Oper nach der Wiedervereinigung ab 1990 führte. Wenn er im Büro anrief, traute sich kaum jemand, den Hörer abzunehmen. „Er rief nur an, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen lief“, erinnert sich Weppernig. „Das war meistens kein schönes Gespräch.“ Heute sei die Hierarchie lockerer. Die meisten Mitarbeiter duzen sich. „Das ist auch üblich beim Theater“, sagt die Büroleiterin.

Sie hat erlebt, wie Sängerinnen und Sänger das Haus verließen, weil Künstlerverträge ausliefen und neue Ensembles den Betrieb übernahmen. Auch die Chefs wechselten. „Die Intendanten kommen und gehen – wir in der Verwaltung bleiben.“

Steffi Weppernig läuft durch weitere Gänge, bis sie plötzlich im Halbdunkel der Seitenbühne steht. Über ihr hängt ein Gewirr aus Stahlseilen, Traversen und dutzenden Scheinwerfern. „Die Züge dort oben können mehr als sechs Tonnen tragen – Bühnenteile oder die Beleuchtung“, erklärt sie.

Und manchmal auch Menschen. Bei der Oper „Hänsel und Gretel“ fliegt die Hexe quer über die Bühne. Einmal landete der Sänger nicht an der richtigen Stelle und zog sich am Hexenhaus eine blutige Platzwunde am Kopf zu. „Er hat trotzdem weitergesungen“, erzählt Weppernig. Die Kinder fanden den Auftritt allerdings etwas befremdlich, erinnert sie sich.

Gerade läuft die Probe zu Carmen. Einige Sänger stehen auf der Bühne. Dahinter liegen Kulissenteile, die demnächst benötigt werden. Ein goldener Kronleuchter und zwei graue Raketen. Die Bühnen-Dekoration wird täglich per Lkw aus den Depots angeliefert. In der Oper kann nur wenig Equipment gelagert werden.

Eine Durchsage ist nun deutlich zu vernehmen. Ein Sänger wird zur Bühne gerufen. Das System ist überall im Haus installiert, auch auf den Toiletten, und wurde erst vor drei Jahren erneuert. „Die Durchsage ist überall zu hören, damit niemand sagen kann, er hat es nicht mitbekommen“, sagt Weppernig. Als noch die alte Anlage in Betrieb war, sei es einmal vorgekommen, dass ein Stück abgebrochen werden musste, weil ein Sänger seinen Einsatz verpasste. Bei einer Siegfried-Premiere erschien er nicht rechtzeitig auf der Bühne. „Das ist das Schlimmste, was passieren kann.“

Hinter der Bühne hängen auch zwei große Feuerpatschen, denn mitunter kommt bei einigen Aufführungen echtes Feuer zum Einsatz. Bei „Tosca“ brennen 80 echte Kerzen auf der Bühne. Zwei Feuerwehrleute sind bei jeder Vorführung im Saal anwesend, um im Zweifel schnell reagieren zu können. Passiert sei in den letzten 35 Jahren nichts Gravierendes. In den 1970er-Jahren, erzählt Weppernig, habe es einmal ein Feuer durch Brandstiftung gegeben. Dekoration und Ausstattung wurden zerstört, Menschen kamen nicht zu Schaden.

Jetzt will Weppernig noch eine „geheime Ecke“ der Oper zeigen, die nur wenige kennen: Die Privatloge von Walter Ulbricht, dem ehemaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR. Ein eigener Fahrstuhl führt zunächst in einen Vorraum mit DDR-Polstermöbeln – die Holzvertäfelung stammt aus den 1960er-Jahren. Von dort aus gelangt man in die Loge im Zuschauerraum. „Man sieht von hier aus gar nicht die gesamte Bühne“, sagt Weppernig. Dafür aber hat der Gast von oben einen guten Überblick über die unteren Sitzreihen des Saals – und – noch wichtiger – wird selbst gesehen.

Wer noch höher hinaus will, der muss aufs Dach der Oper. Das ist allerdings nur einigen geflügelten Wesen vorbehalten: Seit sechs Jahren stehen Bienenstöcke auf dem Dach des Hauses und werden von einer Imkerin gepflegt. „Der Honig wird an der Kasse verkauft“, sagt Weppernig, lächelt und läuft wieder weiter in ihrem gewohnten Stechschritt.

Am Ende eines unscheinbaren Ganges verbirgt sich der Kostümfundus der Oper: 6000 Teile hängen dicht an dicht, aufgeteilt auf zwei Etagen. Die untere ist für die Oper reserviert, die obere für das Ballett. „Wie man sieht – die Herrenseite ist nicht so opulent wie bei den Damen“, sagt Weppernig und verschwindet zwischen Ballkleidern und Mänteln. Auf jedem Kleidungsstück sind der Name des Sängers und des Stücks vermerkt. Alles, was hier hängt, ist maßgeschneidert. Alle zwei Jahre wird ausgemistet – dann können die Leipziger ausrangierte Kostüme kaufen – die Preise schwanken zwischen fünf und hundert Euro.

Zum Schluss steigt Weppernig noch hinab – in eines der Kellergeschosse der Oper. Was kaum jemand weiß: Ganz unten befinden sich noch Mauerreste des Vorgängerbaus, der 1943 abgebrannt ist.

In einem anderen Teil des Kellers befindet sich eine Sammlung alter Theatertechnik. Alte Scheinwerfer, Requisiten und Bühnenbildmodelle sind in dem Minimuseum zu sehen. Ein ehemaliger Kollege – heute bereits 70 Jahre alt – kümmert sich liebevoll um diese Sammlung. „Bisher gibt es niemanden, der seine Aufgabe irgendwann übernimmt“, bedauert Weppernig.

Mit ihren 59 Jahren denkt auch die Büroleiterin langsam über die Rente nach. „Die jungen Leute sprechen heute Business-Englisch, sind fit in den sozialen Netzwerken. Das ist nicht mein natürliches Element.“ Von den alten Kolleginnen und Kollegen sind inzwischen viele im Ruhestand. Aber ein Leben ohne die Oper? Kann sie sich das überhaupt vorstellen?

Da würde ihr sicher etwas fehlen, überlegt Weppernig. „Hier ist es nie langweilig“, sagt sie, kurz bevor sie eine weitere Tür aufschließt. „Man denkt immer: Heute ist ein ruhiger Tag. Und dann passiert etwas Unvorhergesehenes. Das ist wunderbar.“ Sie lacht, geht weiter und verschwindet in einem der langen Gänge. Gina Apitz



Druckansicht