Mit Hilfsangeboten wieder Freude am Leben finden
Titelgeschichte: Vor zehn Jahren hat Carmen Spindler die Selbsthilfegruppe „Lichtstrahl“ gegründet.Wer dort Halt findet und was sich die Gründerin wünscht.

Roßwein. Etwa 18 Millionen Menschen in Deutschland sind von einer psychischen Erkrankung betroffen. Besonders häufig kommen Angststörungen (ca. 15 Prozent), affektive Störungen wie Depressionen (ca. 10 Prozent) und Suchterkrankungen vor. Dabei sind Frauen häufiger betroffen als Männer. Carmen Spindler ist eine von ihnen. Die 68-Jährige leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung und hat schon mehrfach am Sinn ihres Lebens gezweifelt. Um ihren Weg zurück ins Leben zu finden, hat die Gleisbergerin vor zehn Jahren eine Selbsthilfegruppe in Roßwein gegründet.

Als der „Lichtblick“ seine Arbeit aufgenommen hat, war sie selbst schon acht Jahre lang in psychologischer Behandlung. Sie habe Glück gehabt damals, sagt sie, dass sie 2008 einen Therapieplatz bekommen hat. Heute ist es noch viel schwieriger geworden, Hilfe zu erhalten, vor allem zeitnah. Das weiß sie durch den Austausch mit anderen depressiv Kranken in ihrer Gruppe, die auch in solchen Fällen eine Unterstützung sein kann.

Denn diese Hilfe ist für viele psychisch Kranke lebenswichtig, im wahrsten Wortsinn. Außerdem sind psychische Erkrankungen ein Hauptgrund für Arbeitsunfähigkeit. In Sachsen sind es etwa 40.000 Beschäftigte, die jährlich mindestens einmal mit einer Depressionsdiagnose am Arbeitsplatz ausfallen. Carmen Spindler, die als Sachbearbeiterin in der Buchhaltung gearbeitet hat, hat selbst viele Aufenthalte in Kliniken hinter sich.

Die 68-Jährige spricht offen über ihre Erkrankung. Das hat sie gelernt. Und sie weiß. „Man bekommt eher Hilfe, wenn man offen darüber spricht.“ Sie wünscht sich genau das auch von den Menschen um sich herum, Betroffenen wie Nichtbetroffenen. „Der Umgang mit dem Thema ist besser geworden“, stellt sie fest. Dennoch gäbe es immer noch zu viele Menschen, die nur hinter vorgehaltener Hand über Depressionen und andere psychische Erkrankungen sprechen – aus Angst vor dem Arbeitsplatzverlust oder aus Scham.

In ihrer Selbsthilfegruppe gibt es dieses Tabu nicht. Hier, im geschützten Raum, kann jeder seine Fragen stellen, und von seinen Erfahrungen berichten, ohne Angst haben zu müssen, beurteilt zu werden. Alle zwei Wochen treffen sich derzeit zehn Frauen und Männer, die an Depressionen, Angstzuständen, Panikattacken oder Zukunftsängsten leiden.

Nachdem Roßweins Bürgerhaus wegen seiner Schließung als Treffpunkt weggefallen ist, hat der „Lichtblick“ im Berta-Börner-Pflegeheim ein neues Zuhause gefunden. Darüber ist Carmen Spindler froh. Organisiert hat sie den neuen Treffpunkt selbst, hätte sich da mehr Unterstützung von der Stadtverwaltung erhofft. Sie wünscht sich die Anerkennung ihrer Gruppe.

Carmen Spindler hat diese Gruppe vor zehn Jahren mit Unterstützung des Roßweiner Behindertenbeirates gegründet. Es gab damals kein Angebot, aber Menschen wie sie selbst, die sich eine solche Gruppe gewünscht haben. „Am Anfang waren wir zu viert.“ Carmen Spindler ist stolz darauf, dass die Gruppe inzwischen für mehr als doppelt so viele Betroffene ein wichtiger Anlaufpunkt ist.

Im „Lichtblick“ geben sich die 40- bis 80-jährigen Betroffenen gegenseitig Halt. „Wir tauschen uns aus, helfen einander.“ Auch Ausflüge, bei denen man die Krankheit mal vergessen kann, stehen auf dem Programm. Es geht darum, wieder Freude am Leben zu finden. „Wir feiern auch unsere Geburtstage.“ Carmen Spindler ist außerdem immer auf der Suche nach Dialogpartnern, organisiert regelmäßig Vorträge, und lädt Ärzte, Apotheker, und Psychologen ein.

Ihr selbst hat der „Lichtblick“ dabei geholfen, wieder Freude am Leben zu finden. Eine Garantie für Dauerhaftigkeit gibt es nicht. Nach einem Rückschlag ist sie jetzt besonders froh, dass sie die Gruppe hat. Sie möchte anderen Betroffenen ein Signal geben: „Hier gibt es jemanden, der sich um euch kümmert.“

Der Roßweiner „Lichtblick“ ist eine offene Gruppe. Wer Interesse hat, meldet sich bei Carmen Spindler (0171 8460314).

und M. Engelmann-bunk
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