Im Jahr 2015 wollte die Stadt Frohburg, zu der das Dorf Prießnitz gehört, dieses Gebäude für 22.000 Euro verkaufen. Zuviel Geld floss schon in Rittergut und Schloss des Ortes. Doch die Prießnitzer wollten ihr Bauernrathaus als öffentlichen Ort behalten. Vier Familien, die rund um das Denkmal wohnen, sagten sich damals: „Wir engagieren uns!“ Sie gründeten einen Verein.
Chefin des kleinen Vereins ist seitdem Jessica Böttcher-Ebers. Sie ist Archäologin und lebt mit ihrer Familie seit 2015 in Prießnitz. Mit ihren Mitstreitern hat sie jahrelang Ideen geschmiedet, Förderanträge geschrieben und neben Handwerker-Profis gemeinsam Tausende Stunden im Haus gewerkelt.
Die Akteure schmierten viel Lehm an die Wände, dämmten die Räume, entfernten alte Anstriche, bearbeiteten Dielen, strichen das Fachwerk, bauten Garderobe und Bar, tischlerten Möbel für Küche und Bohlentube, räumten und putzten ohne Ende.
Wer wollte, konnte eine Patenschaft für einen Stuhl erwerben und so den Verein unterstützen. 30 Stühle schmückt nun ein Name oder ein Spruch wie „Jeden Tag eine gute Tat“.
In sieben Bauabschnitten wurde das alte Haus mit etwa 180 Quadratmeter Nutzfläche Stück für Stück wachgeküsst und erstrahlt heute neu: außen hell verputzt mit Fachwerk; innen im Erdgeschoss Bohlenstube, Küche und Sanitärraum; im ersten Stock ein Vereinszimmer sowie zwei Räume für kleinere Veranstaltungen.
„Wichtig war uns von Anfang an, dass es ein Treffpunkt für das Dorf wird und hier Veranstaltungen stattfinden“, sagt die Vereinschefin. Auch regelmäßig während der Bauphase: Geschichten-Stunde am Kamin, Frühschoppen am 1. Mai, Quetsch-Fest, Konzerte, Theater, Oster- und Weihnachtsbasteln.
„Bagger, Bemmen, Bergmannsschnaps“ hieß eine Gesprächsrunde, bei der es um das Thema Braunkohlenbergbau in der Region ging. Schulklassen verbringen Projekttage im Bauernrathaus samt Schnipseljagd. Seit die gemütliche Bohlenstube fertig ist, können zudem Familien das Gebäude für Hochzeiten, Taufen, Einschulungen und Geburtstagsfeiern mieten.
Es ist ein besonderes Haus. Vor mehr als 300 Jahren waren die Bauern in Prießnitz sauer auf ihre Herrschaft, weil die Fronabgaben so hoch waren. Sie wollten mehr Rechte und gründeten 1693 ihren eigenen Gemeinderat. 1712 wurde das wohl erste Bauernrathaus der Region eingeweiht, ein kleines Umgebindehaus – eine Mischung aus Bohlen- und Fachwerkbau. Hier wurde auch das seltene Salz gewogen. In der heutigen Küche war ein Stall, wo der Gemeindeochse Heu fraß.
150.000 Euro Fördermittel flossen nun in die Sanierung des Bauwerks. Das Geld stammt vor allem vom Landesamt für Denkmalpflege, der Kultur- und Umweltstiftung Leipziger Land der Sparkasse Leipzig sowie der Stadt Frohburg. Etwa 30.000 Euro musste der Verein als Eigenmittel aufbringen: durch Vermietungen, Veranstaltungen und Kuchen-Verkauf.
Es braucht viel Motivation, um solch ein Projekt zehn Jahre lang neben Familie und Vollzeitjob durchzuziehen. Jessica Böttcher-Ebers saß nicht selten nachts oder am Wochenende über Abrechnungen und Anträgen.
„Extrem viel Freizeit“ habe dies gekostet. Als Mutter von einst jungen Kindern sei es stressig gewesen. „Wieviel Arbeit das ist, kann man am Anfang nicht einschätzen“, meint sie und fügt hinzu: „So ein bisschen Naivität ist aber gut. Sonst fängt man vielleicht gar nicht erst an.“
Doch sie habe „viel zurückbekommen“. Sie freut sich, dass das Haus nun noch lange weiterleben kann. Jede gelungene Veranstaltung motiviert sie. Zudem sei eine schöne Gemein schaft entstandenund Claudia Carell