Schätze aus dem Verlag für die Frau kommen nach Borna
Titelgeschichte: Verlag für die Frau wird 80 – und gibt erste Schätze in das Sächsische Wirtschaftsarchiv

Borna. Das Sächsische Wirtschaftsarchiv zieht Anfang August von Leipzig nach Borna. Schneller als die Lkw, die dann Hunderte Paletten und Zehntausende Kartons in das Dokumentationszentrum für Regional- und Wirtschaftsgeschichte Sachsens transportieren, war ein 80-Jähriger: Der BuchVerlag Leipzig, als Verlag für die Frau ein Begriff, lieferte die ersten Kisten im neuen Depot an.

Am 1. Juli 1946 gegründet, ist der Verlag vor allem im Osten Deutschlands bekannt für seine Kochbücher und Ratgeber. Zeitschriften wie Sibylle und Saison sind legendär, die Schnittzentren Älteren in bester Erinnerung.

Die Buchklassiker werden bis heute immer wieder aufgelegt. Hinzu kommt regionale Literatur, im Jubiläumsjahr ganz neu Kinderbücher. Eine Detektivgeschichte für Kinder, die in Leipzig spielt, hatte im Frühjahr Premiere.

Herrlich kühl ist es zwischen den Betonwänden des Neubaus, den der Landkreis Leipzig für rund 17,7 Millionen Euro an den Stadtrand von Borna gesetzt hat. Der L-förmige Komplex wird Heimstatt für das Sächsische Wirtschaftsarchiv, das Kreisarchiv des Landkreises Leipzig und den Verein DOKMitt. Die Eröffnung findet nun einige Wochen später statt, weshalb sich die aufwendigen Umzüge verschieben.

„Wir starten damit am 3. August“, sagt Veronique Töpel, Geschäftsführerin des Wirtschaftsarchivs. Die Regale in Borna stehen bereit, das Archivgut aufzunehmen. „Auf die Zukunft ausgelegt, um auch in den nächsten Jahrzehnten reichlich Material zu übernehmen“, sagt sie. Heißt: sieben Regalkilometer. Dem Magazin vorgelagert ist ein großer Raum, in dem Archivalien angeliefert, gesichtet, gereinigt, sortiert werden.

Das halbe Dutzend Kartons, das Ulrike Winkelmann und Susann Jaensch übergeben, verliert sich beinahe in dieser Weite. Winkelmann kümmert sich im Verlag um Programm, Herstellung, Vertrieb, Jaensch um das Marketing.

Silvia Dorster im Lektorat komplettiert das Team – ein Drei-Frauen-Unternehmen, dessen Vorläufer zur Wende 490 Mitarbeiter zählte. Nach Zerschlagung und mehreren Eigentümerwechseln erfand man sich immer wieder neu, bewahrte aber den Kern. Aus dem Verlag für die Frau wurde 1996 der Buchverlag für die Frau, 2023 der BuchVerlag Leipzig. „Dass wir zu unserem Jubiläum einen Teil unseres Archivs in den Neubau nach Borna geben können, ist ein Glücksumstand. Hier ist es bestens aufgehoben“, sagt Susann Jaensch. Ein Blick in die Kartons zeigt die Breite, die den Verlag ausmacht(e). Da sind die Küchen-Klassiker wie „Wir kochen gut“, „Unser großes Kochbuch“ und „Das Backbuch“ („Die gibt es in nostalgischer und moderner Aufmachung“).

Da sind Zeitschriften für Mode, Lebensart und Weltläufigkeit – Lifestyle würde man heute sagen: Sibylle, Pramo, Modische Maschen. Längst eingestellt allesamt, nur der Gute Rat hat – als wohl älteste Verbraucherzeitschrift – alle Brüche überlebt und erscheint heute bei Burda.

Sofort abgewickelt wurde die Abteilung, die die gefragten handkolorierten Kunstblätter edierte. Im Archiv in Borna liegen nun Originale von Grafikern wie Egbert Herfurth (Leipzig) und Barbara Henniger (Strausberg).

Das nicht nur von Frauen vielgelesene „Jahrbuch für die Frau“ war 1990 nach vier Jahrzehnten am Ende. Der Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren – Christa Wolf zählte zu ihnen – ist demnächst im Lesesaal des Wirtschaftsarchivs einsehbar. Archiviert werden außerdem Schriftverkehre zu Buchprojekten, Kalkulationen, Urkunden – für „Schönste Bücher“ etwa. Was fehlt, ist die Mode-Strecke. Nichts von dem, was die festangestellten (!) Mannequins, neudeutsch Models, auf den Laufstegen zwischen Warnemünde und Fichtelberg präsentierten, blieb.

„Das wurde damals sofort verkauft. Unser Verlag war für die Westdeutschen ein ‚Zirkusunternehmen‘. Von der Versuchsküche über Schneiderateliers bis zur Werbung hatten wir alles, nur keine eigene Druckerei“, erinnert sich Christian Kullnick. Der Zwenkauer war seit 1969 dabei, wechselte nicht zum herausgekauften BuchVerlag.

Er ging nach der Jahrtausendwende als Letzter von Bord, als alle übrigen Bereiche am Ende waren. Der 81-Jährige hatte in den Sechzigern begonnen, ein Verlagsarchiv zusammenzutragen. „So vieles ist unwiederbringlich weg.“ Umso glücklicher ist er über den Hafen, der nun Borna heißt.

Die Retterin der Buchproduktion heißt Christa Winkelmann. Ursprünglich Lektorin, fungierte sie ab den Neunzigerjahren unter wechselnden Eigentümern als Verlagsleiterin und später als Geschäftsführerin. Heute lebt sie 80-jährig in Naunhof. „Wäre sie nicht gewesen, gäb’s uns nicht mehr“, sagt Tochter Ulrike Winkelmann, die im Verlag für die Frau Buchhändlerin lernte, später Verlagswirtschaft studierte, im renommierten Leipziger Verlag Faber & Faber tätig war und 2010 zurückkehrte an ihren Ursprung.

„An den Longsellern sieht man, dass der Verlag im Osten ganz stark verwurzelt ist. Die Menschen verbinden etwas damit. Aber wir haben ein modernes Programm, Kreativbücher, Ratgeber, Gesundheitsthemen. Wichtig ist der regionale Blick.“ Der Verlag ist seit 2015 Teil der Verlagsgruppe grünes herz, einem mittelständischen Verlagsunternehmen mit Hauptsitz in Thüringen.

„Die Wirtschaftsgeschichte Sachsens bewahren und zugänglich machen, das ist unser Auftrag – egal, ob es sich um einen Maschinenbauer, ein Handwerk oder einen Verlag handelt“, sagt Veronique Töpel. Gerade gehe es vielen Unternehmen wirtschaftlich nicht gut, fänden Familienbetriebe keine Nachfolger und gäben auf. „Dann stehen wir bereit. Wir haben für den Herbst bereits drei Bestände in der Warteschleife.“

Dann werden knapp 20.000 Archivkartons, 400 Paletten, 12.500 Fachbücher, außerdem diverse Gemälde, Exponate und Fotos in Borna abrufbar eingelagert sein. „Ich gehe davon aus, dass wir im Oktober hier voll arbeitsfähig sind“, so Töpel: „Jeder, der ein berechtigtes Interesse nachweisen kann, kann unsere Bestände nutzen.“

Dieses Interesse muss nicht nur wissenschaftlicher Natur sein wie das von Dr. Ulrike Langbein von der Universität Leipzig. „Mode als Transformation. Das Beispiel Leipzig (1980–2000)“ heißt ihre Forschungsarbeit. In ihr untersucht sie Mode als Indikator und Treiber gesellschaftlicher Veränderungsprozesse. Dass sie dabei auf den Verlag für die Frau und Modenschauen stieß, war folgerichtig. Langbein war es auch, die den Verlag und das Wirtschaftsarchiv zusammenbrachte. Töpel: „Sie hat viele tolle Dinge zusammengetragen. Auch die kommen demnächst zu uns nach Borna.“und Ekkehard Schulreich
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