Die Mölbiser feiern jeden Monatein Fest in ihrem Dorf
Titelgeschichte: Vom dreckigsten Ort Europas zu einer Wohflühloase, wo alle mitmachen

Reiner Patzwahl ist Ur-Mölbiser, kennt die Ortsgeschichte aus eigenem Erleben und engagiert sich seit vier Jahrzehnten fürs Dorffest – hier mäht er die Wiese vor der Orangerie.Foto: Claudia Carell
Mölbis. Reiner Patzwahl sitzt auf dem Rasentraktor und mäht die Wiese. Vorbereitung fürs Dorffest. Schon seit 1980 engagiert er sich für die gemeinschaftliche Party, war viele Jahre Feuerwehr-Chef. Der 62-Jährige hat DDR-Zeit, Niedergang und Wiederaufblühen des Ortes aktiv miterlebt. „Gefeiert haben wir immer“, sagt er. „Früher sogar mit Ochse am Spieß.“

Als junger Mann spielte er Fußball im Verein seines Heimatdorfes. „Wenn beim Punktspiel das Gas kam, haben die Gastmannschaften immer gesagt: Mölbis hat wieder Heimvorteil“, erinnert er sich. Mit Gas meint er die verpestete Luft.

Schwelgase, Rauch und Ruß mischten sich darin. „Wir haben das gar nicht so gemerkt, wir waren daran gewöhnt.“ Er arbeitete als Meister in der Brikettfabrik Espenhain, „da sah man vor lauter Dreck oft die eigene Hand nicht“.

Mölbis, 15 Kilometer südlich von Leipzig, lag in der Hauptwindrichtung, was die Schadstoffbelastung aus Brikettfabrik, Kraftwerk und Schwelerei Espenhain betraf. Es gab kaum Filtertechnik.

Die maroden Espenhainer Industrieanlagen sollen damals täglich in die Luft gepustet haben: vier Tonnen Teeraerosole, 4,4 Tonnen Schwefelwasserstoff, 20 Tonnen Schwefeldioxid, 1,6 Tonnen Ammoniak und 1,6 Tonnen Merkaptane, berichteten DDR-Umweltgruppen. Die Menschen bekamen Asthma, Pseudokrupp und Ekzeme, viele erkrankten an Krebs.

Aus dieser Zeit gibt es viele Geschichten. Wenn es mal ganz schlimm war, fielen am nächsten Tag die Blätter von den Bäumen. Obst und Gemüse aus den Gärten waren kaum zu essen. Weiße Wäsche hängten die Einwohnerinnen meist nicht raus. Schnee und Staub waren schwarz.

Eine Mölbiser Postfrau soll 1987 in einer „Bevölkerungseingabe“ geschrieben haben: „Hat man im Sommer nachts die Schlafzimmerfenster offen und dabei einen festen Schlaf, dann liegt man früh halb krepiert im Bett.“

Trotz all dieser Probleme lebte das Dorf auch in dieser Zeit – mit seinen Vereinen: Fußball, Feuerwehr, Chor. Dazu gab es einen außergewöhnlichen Pfarrer: Karl-Heinz Dallmann, der vor Kurzem gestorben ist, wollte für alle Menschen dasein, egal ob sie an Gott glaubten oder nicht. Gern legte der Umweltaktivist als DJ fürs Dorf auf. „Wir hatten damals einen großen Zusammenhalt“, sagt Patzwahl. „Alle haben mit angepackt.“

Dennoch: Immer mehr Einwohner verließen ihre Heimat. Lebten Ende der 1940er-Jahre 1100 Menschen in Mölbis, waren es 1990 noch 353. Auch Reiner Patzwahl zog 1988 nach Leipzig – der Liebe wegen, aber er kehrte mit seiner Frau bald wieder zurück. „In der Stadt war es mir viel zu laut!“ Und: Sein Dorf erhielt plötzlich wieder Hoffnung und Zukunft.

Dafür hatten die Menschen schon zu DDR-Zeiten gekämpft. 1983 fand der erste vom Christlichen Umweltseminar Rötha organisierte Umweltgottesdienst „Unsere Zukunft hat schon begonnen“ in Mölbis statt.

Die Wende veränderte alles. Ab 1990 wurde das Werk Espenhain nach und nach stillgelegt. Tausende Menschen verloren ihre Arbeit. Es gab saubere Luft.

„Ditmar Haym, unser Bürgermeister damals, hat viel bewegt“, erinnert sich Reiner Patzwahl. Neue Straßen. Die schöne Orangerie, das letzte Gebäude des einstigen Schlosses, wurde saniert und samt Park zur Ortsmitte. Die verfallenen Häuser bekamen frische Dächer und Fassaden. Von Phenol und Schwefel verseuchte Böden wurden ausgetauscht.

Das Dorf blühte auf – und wurde weltweit in den Medien als einst „dreckigstes Dorf Europas“ beschrieben. Radio, Fernsehen, Zeitungen: Journalistinnen und Journalisten kamen aus dem In- und Ausland. „Viele von uns haben mehrfach Interviews am Gartenzaun gegeben“, sagt der Mölbiser.

Nervt ihn mittlerweile der Ausdruck „dreckigstes Dorf Europas“? Er schüttelt entschieden den Kopf und meint: „Nein, es war gut, dass damals aufgeklärt wurde, wie schlimm die Zustände waren.“ Die Prominenz gab sich im Ort die Klinke in die Hand – sogar Prinz Charles kam am 19. Dezember 1991.

Mölbis bekam mächtig Zuzug: Viele Eigenheime entstanden. Tobias Thieme zog mit seiner Familie 1994 von Leipzig hierher ins eigene Haus. Er ist heute Ortsvorsteher und längst in dem Dorf heimisch geworden, wo derzeit 550 Menschen leben.

Der 62-Jährige steht im Park neben der Orangerie. Dies sei der Dorfmittelpunkt für viele Aktivitäten. „Wir haben sehr engagierte Vereine“, sagt er. Sechs Gemeinschaften sorgen seit Jahrzehnten für soziales Leben: Feuerwehr, Chor, Sport-, Kirchen- und Anglerverein sowie die Dorfentwicklungsgesellschaft.

Nahezu jeden Monat gibt es ein Fest: Oster- und Nikolausfeuer, Chor-Jubiläum, Oktoberfest, Kino-Sommerabende, Dorffest, Kuchen-Wettbewerb, Weinfest, Martinsumzug, Wintergrillen, Adventsmarkt, neu ist der Muttertags-Brunch. Auch Konzerte und Vorleseabende laden ein. Regelmäßig treffen sich Frauen zu Sport, Handarbeit und Bastelei in der Orangerie.

Dennoch habe der Ort leider auch die typischen Dorfprobleme: kein Lebensmittelgeschäft, der Gasthof hat geschlossen, der Bus fährt mehr als spärlich. Doch das Engagement in der Gemeinschaft sei da. Nicht nur in den Vereinen.

Das Dorffest zum Beispiel braucht viele Hände. Es geht um Auf- und Abbau. Da werden Kuchen gebacken, Fischbrötchen vorbereitet, die Kinderbastelei betreut. Für den Bierwagen gibt es Schichten: Viele Frauen und Männer stehen abwechselnd am Zapfhahn.

Das Organisationsteam des Festes geht vorher durchs Dorf, klingelt bei den Leuten und fragt wegen Unterstützung an, sei es ein Kuchen, ein paar Euros oder eine helfende Hand.

„Viele machen mit“, sagt Tobias Thieme. „Das ist das Schöne am Dorfleben: Man kennt sich und kann sich einbringen – wenn man sich darauf einlässt.“ Reiner Patzwahl ergänzt: „Das schweißt zusammen und macht ja auch Spaß.“ Früher und heute: Mölbis hat wieder Heimvorteil.

und Claudia Carell
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