„Das Gröbste haben wir überstanden, glaube ich. Ich hoffe, dass das eine einmalige Situation war. Aber Woche für Woche erfährt man von anderen Mastbetrieben, die es trifft“, sagt Dorothee Linder. Es gehe ja nicht nur um die klassische Geflügelpest. Inzwischen komme die Newcastle-Krankheit hinzu, eine hochansteckende Viruserkrankung bei Hühnern und Puten. „Wir versuchen, jede Stellschraube zu bewegen, das Risiko so weit wie möglich zu minimieren. Gänzlich ausschließen kann man so etwas aber nicht.“
Der Ausnahmezustand bei Linders, die in zweiter Generation und mit drei Vollzeitkräften am Südrand des Landkreises in einer ursprünglichen Rinderanlage Puten züchten, begann am 26. Januar.
Erste Tiere waren verendet. Zuvor war die Geflügelpest in Mutzschen (Stadt Grimma) und Wermsdorf (Nordsachsen) aufgetreten.
Das Veterinäramt des Landkreises und eine Taskforce des sächsischen Sozialministeriums griffen ein. Sämtliche Tiere mussten getötet werden. Die Ställe wurden geräumt und desinfiziert. Eine emotional belastende Situation – und wirtschaftlich ein Tiefschlag. Zwar ersetzte die Tierseuchenkasse den Wert der Puten. Die Grundreinigung der Ställe und der Technik, sowie das Desinfizieren beziffert die Züchterin auf mehr als 150.000 Euro. Die muss der Betrieb aufbringen, zudem die drei Monate Leerstandszeit finanziell überbrücken.
„Wir haben alles getan, was getan werden musste. Wir wollten ja möglichst schnell wieder Tiere einstallen“, sagt Dorothee Linder. Zudem habe man die Zeit gleich für Instandhaltungen genutzt. Im April dann kamen die Küken: 40.000 Tiere. 16 Wochen wachsen die Hennen, bis sie schlachtreif sind, die Hähne vier Wochen länger.
Viele Jahre wurde in Mutzschen geschlachtet, bis der Betrieb dort schloss. „Jetzt gehen unsere Tiere nach Bayern. Dort finden Verarbeitung und Vermarktung statt.“ Beliefert werden Lebensmittelmärkte und Discounter wie Rewe und Edeka, Lidl und Aldi, vornehmlich in Süddeutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz.
„Ich glaube an die Landwirtschaft in Deutschland. Es ist wichtig, dass wir hier produzieren, nicht alles aus der Hand geben, indem wir Geflügel in Asien oder Südamerika einkaufen“, sagt Dorothee Linder. In ihrem Betrieb stecke nicht nur Herzblut; er sei Teil ihres Lebensentwurfs, denn sie sei mit der Landwirtschaft großgeworden.
Auf welchem Weg die Geflügelpest in den Bruchheimer Bestand gelangte, sei nicht restlos geklärt. Gestützt auf eine Untersuchung der Veterinärbehörden geht die Züchterin davon aus, dass Federpartikel infizierter Wildvögel in den Offenstall am südlichen Rand der Anlage gelangten: „Das scheint am wahrscheinlichsten, weil hier die Erkrankung ausbrach.“
Auf einen Außenstall will Linder künftig trotzdem nicht verzichten: „Es gilt, eine Balance zu finden zwischen der Risiko-Vorsorge und dem Tierwohl.“
Die Putenmast in Bruchheim war nicht der einzige Betrieb, der um den jüngsten Jahreswechsel von dieser Seuche betroffen war. Zuvor hatte es im Dezember den bekannten Zuchtbetrieb Eskildsen in Mutzschen getroffen. Hier mussten auf behördliche Anweisung 6500 Gänse getötet werden.
und Ekkehard Schulreich