Kunst als Helfer für die Seele
Titelgeschichte: Kinder leiden oft, wenn die Eltern im Streit auseinandergehen. Eine Sozialpädagoginund der Künstler Michael Fischer-Art aus Borna sehen Malen als Chance zu helfen.

James Bond findet sich mehrfach auf Bildern von Michael Fischer-Art – zu „Szenen einer Ehe" gehört auch das.Foto: Jens Paul Taubert
Borna. Kindliche Psyche gesundet dank Kunst: Trennen sich Paare in heftigem Streit, trifft es Kinder unmittelbar. Sie geraten zwischen die Fronten. Welten stürzen ein. Sicherheiten zerbrechen. Die Suche nach Halt wird essenziell. Den finden sie kaum in Anwaltskanzleien und an Behördentischen. Und wer therapeutische Hilfe sucht, muss warten. Oft monatelang. Zeit, die das Problem verstärkt.

Kinderatelier heißt jener geschützte Raum, den Michael Fischer-Art, Maler in Borna, und Lysann Kasprick, Medizin- und Sozialpädagogin in Leipzig, jetzt gemeinsam Heranwachsenden öffnen. Flankiert wird der Start durch eine Bilderschau des Künstlers in Leipzig. Selbsterklärend der Titel in Anspielung auf einen Ingmar-Bergmann-Klassiker: „Szenen einer Ehe“.

„Wir reden so viel von Resilienz. Jeder kommt mit einer bestimmten psychischen Widerstandskraft auf die Welt. Die Frage ist nur: Warum verliert sie sich offenbar?“ Lysann Kasprick arbeitet in ihren Praxen in Leipzig mit Familien. Nicht nur um Scheidungen geht es: um Depressionen, Schicksalsschläge. Ereignisse, die dazu führen, dass Kinder sich einigeln, verstummen. Dass Kommunikation sich verliert, weil in digitalen Zeiten kaum gesprochen wird, zu selten Gelegenheit bleibt, in sich hineinzuhorchen, sich selbst zu erfahren.

Beziehungskonflikte, die zum Leben gehören, haben plötzlich das Zeug zu Katastrophen. „Für alles gibt es Diagnosen, ein Etikett. Das ist on woke. Gut ist das nicht“, sagt Kasprick. „Wir müssen raus aus den Testverfahren, müssen frei denken, sensibel miteinander umgehen, das Gefühl füreinander neu entdecken. Und wenn dafür die Wörter fehlen, hilft Malen, um in Austausch zu kommen.“

Der alte Billardtisch im Atelier von Michael Fischer-Art ist mit Zeichenpapier und Zeichnungen bedeckt. Die Halle am nördlichen Stadtrand von Borna ist riesig, einst war sie Teil der Brikettfabrik Witznitz. Heute ist sie Lebens- und Arbeitsort für den 57-Jährigen, der in den Neunzigern in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studierte, vorher Maurer und Maler lernte und Krankenpfleger in der Psychiatrie war. Es ist ein fantastischer Raum. Ein Kosmos der Bilder, Bilanzen, Brüche. Dass gerade hier die Idee für das Projekt entstand – nicht als Malschule, sondern als Seelenöffner –, scheint konsequent.

„Ich bin dreimal geschieden, habe vier wunderbare Kinder und glaube an das Gute im Leben, glaube an die Liebe und das Glück.“ Leichthin sagt der Wahl-Bornaer, was von Erfahrung geprägt ist. Seine Sunshine Art Factory ist ein offensiver Gegenentwurf wie das Kinderatelier, mit dem Lysann Kasprick und er künftig dorthin gehen, wo es wehtut. Wo diese Hilfe gebraucht wird: vor Ort. „Um einzugreifen, ehe es hochkocht und eskaliert. Um wieder einzufangen, was aus dem Ruder läuft.“

Wie das funktioniert, war zur Premiere im Rahmen des Bornaer Kirschblüten-Festivals im April zu erleben. Mit Kindern malend zur Sache geht es dann freilich in geschützten Räumen: im Landkreis Leipzig, in Leipzig und gern weit darüber hinaus.

„Es gibt Beziehungen, die haben Kopf und Fuß und gehen trotzdem im Chaos unter“, sagt Michael Fischer-Art. Er verweist auf ein Großformat mit Symbolkraft und nennt sich einen Schelm. „Künstler, Maurer, Polizisten – alle haben Erfahrungen mit Scheidungen gemacht. Ich setze Biografisches in Bilder um, humorvoll durchaus, denn es war ja nicht nur schlimm.“

und ekkehard schulreich

Vom 14. Juni bis 23. August ist die Ausstellung im Schloss Bernburg (Sachsen-Anhalt) zu sehen.

www.fischer-art.deE-Mail: atelier@fischer-art.de
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