Ich bin – Alte Schule – 15 Minuten vor unserem Termin da. Zeit für Beobachtung, für Studium. Das fällt zuerst auf: Es ist ruhig hier, es ist sauber, der Markt und die direkte Umgebung machen einen gepflegten Eindruck. Eine Oma führt den Enkel – der Bub mag zwei, höchstens drei Jahre jung sein – am Händchen. Der Junge spaziert mehrere Runden auf dem Brunnenrand. Als er seine kleinen Tippelschritte stoppt und auf meinen Beutel zeigt, habe ich es begriffen: Der gewohnte Weg wird blockiert. Ich nehme den Beutel eilig vom Rand, der Bub feixt mir was, die Oma kann die geführte Runde fortsetzen. Opa filmt derweil mit der Kamera des mobilen Telefons. Der jeweilige Freisitz-Bereich zweier Cafés ist übersichtlich belegt.
An den Rändern des Marktes sind Blumenschalen aus Porphyrtuff aufgestellt, verschiedene Schilder verweisen auf Menschen und Vereine, die sich um den Erhalt der Flora bemühen. Später soll ich erfahren, dass es sich dabei um Patenschaften handelt. Auch der oben genannte Verein hat so eine. Da haben wir ihn doch bereits: Den Beleg zum Vereinsinhalt Verschönerung. Anja Wunderlich und Peggy Maaß sind pünktlich. Wir wählen eine Bank am Rand gegenüber dem Rathaus, um uns niederzulassen. Es soll sich ein interessantes, offenes und wertvolles Gespräch entwickeln. Es offenbart mir, wie viel Herz, wie viel Zeit Menschen in einen Verein, in die Arbeit für einen Verein investieren. Sie erhalten dafür Dank, wenn sie Glück haben. Sie bekommen Anerkennung, wenn es Menschen gibt, die die Arbeit und die Ergebnisse dieser zu schätzen wissen. Anja Wunderlich gesteht: „Es gibt Ideen, es gibt Visionen, am Ende ist es die Realität, die entscheidet, was wir als Verein möglich machen können.“ Rund 60 Mitglieder zählt der Verein aktuell. Um die Heimat zu verschönern, genügen manchmal banal erscheinende Dinge. Peggy Maaß zählt sie auf: „Wir streichen Bänke, das könnten insgesamt circa 50 sein. Es werden Beschilderungen für Wanderwege aufgestellt und gepflegt. Es gibt Beschilderungen von Bäumen, die darüber informieren, welcher Baum an dieser Stelle wächst.“ Bildungsverein wollen sie also auch noch sein. Da geht noch viel mehr, wenn man will. Und sie wollen.
Heimat impliziert das Bewahren, das Zur-Schau-Stellen von Erreichtem. Die Verschönerung ist der unbedingt aktive Teil der Vereinsarbeit. Anja Wunderlich, die gerade erst zur neuen Vorsitzenden des Vereins gewählt wurde, ergänzt: „Mit der Unterstützung von Bauhof, Stadt, Schmöllner Firmen und einer großen Spende wurde im letzten Jahr ein Ratsplatz für Wanderer am Papiermühlenwehr neugestaltet. Wir werden an verschiedenen Stellen Blumenzwiebeln stecken.“
Der Stadtpark soll ein Band in Violett bekommen, die entsprechende Farbe liefert der Safran, der zunächst in Form kleiner Knollen gepflanzt wird. An jeder Ecke in Schmölln – bei einer Fläche von etwas mehr als 100 Quadratkilometern gibt es davon reichlich – gibt es schöne Dinge und solche, die einer Verschönerung bedürfen. Dem Verein entgeht da (fast) nichts, was er sich noch „vorknöpfen“ kann, will und wird. Aber ach, der Verein wurde vor 140 Jahren gegründet, der Verein hat mit den aktuellen Mitstreitern einen Altersdurchschnitt von rund 65 Jahren. Der Heimat- und Verschönerungsverein geht in Rente! Nein, geht er nicht, im Gegenteil, neues Leben soll einziehen, eine aktivere Lebendigkeit, die die Erfahrung der Älteren als Motivation, als Turbo benötigt. Drei Halbwüchsige queren den Markt diagonal, weil sie den Begriff Agoraphobie nicht kennen oder warum auch immer. Uns fällt auf, dass keiner der Jungs ein Handy in der Hand hält und auf dessen Display starrt und mit den Fingern auf selbiges einhämmert. Zwei der Burschen haben einen Ball in der Hand. Und dann, nein, doch, es passiert: Einer des Trios hält kurz inne, kramt in seiner Hosentasche und hievt ein Mobiltelefon zu Tage. Wir schauen uns kurz an, nicken und sind mit der Handy-Quote 1 aus 3 irgendwie zufrieden. Die drei Jugendlichen schubsen uns zum nächsten Thema. Wie macht man so einen Verein attraktiv, dass er auch für jüngere Menschen eine Anziehungskraft vermitteln kann? Peggy Maaß erklärt: „Wir stellen zum Beispiel unser Archiv um, die Inhalte werden digitalisiert. Wir wollen mit Schulen und Schülern ins Gespräch kommen. Das funktioniert bisher bereits am Schüler-Freiwilligentag, den es jedes Jahr in der letzten Woche vor den Sommerferien gibt. Da wurden zum Beispiel gemeinsam Bänke und Geländer gestrichen.“
Jeder Handgriff, jede investierte Sekunde Zeit ist wertvoll, ist wichtig für ein schönes Schmölln. Anja Wunderlich, im Hauptberuf Bilanzbuchhalterin, gesteht: „Ich habe mich für dieses Ehrenamt entschieden, weil Schmölln für mich lebens- und liebenswert ist.“ Peggy Maaß arbeitet als Zweiradmechatronikerin, die Motivation für die Arbeit im Verein klingt bei ihr ähnlich, und sie fügt hinzu: „Wenn ich nach einem Umfang Zeit gefragt werde, den ich für den Verein aufbringe, weiß ich, dass es immer mehr wird als zuvor gedacht.“
Die Heimat-Verschönerer haben sich Schmölln „vorgeknöpft“, sie werden es auch weiterhin tun. Der Verein ist lebendig und strotzt vor pulsierendem Miteinander: Marcus Großer, der Stellvertreter des Vereins, wurde mit seinem Team „Schmöllner Kreisel“ Sieger der ersten Schmöllner Mutzbraten-Meisterschaft. Künftig wird der Bereich Soziale Medien intensiver betreut. Es wird Vortragsreihen geben, Ausstellungen in den Räumen des Vereins. Sequenzen von Filmen, die das Leben des früheren Schmölln zeigen, werden aufgearbeitet und in neue Formate umgewandelt. Die bunt bemalten Hydranten in der Stadt sind auch Bestandteile der Vereinsarbeit geworden. Der Heimat- und Verschönerungsverein wird mit seiner ehrenamtlichen Arbeit niemals fertig werden. Die da oben an der Spitze ihres Vereins stehen, wollen das auch nicht. Sie wissen neugierige und nimmermüde Mitglieder an ihrer Seite. Und Anja Wunderlich sowie Peggy Maaß haben die Hoffnung immer mit dabei, dass es in Schmölln noch viele Menschen gibt, die mit ihren Ideen, mit ihren Interessen laut oder still zur Verschönerung ihrer Heimat beitragen wollen. Und wer das dann auch noch in einem Verein tun will.
Von unserem Platz auf der Bank hatten wir beste Sicht auf den Eingangsbereich der Schiedsstelle. In der Zeit unserer Unterhaltung begehrte kein Bürger Einlass, einer Streitschlichtung Ausdruck zu verleihen. Schmölln ist nicht allein schön, die Stadt ist auch ein Ort friedlichen Miteinanders? Das will man hoffen, aber die Schiedsstelle hat an diesem Mittwoch nicht geöffnet. Dort kann man jeden zweiten Dienstag und jeden vierten Freitag eines Monats vorstellig werden. Eine Auflösung bin ich noch schuldig: Na klar, das Vorknöpfen hat seinen Ursprung in der Historie der Stadt. Schmölln entwickelte sich um 1900 zum Zentrum der Knopfindustrie. Bis zum heutigen Tag werden in Schmölln Knöpfe produziert. Am Sprottenanger 2 und in der Ronneburger Straße 90 gibt es Standorte des Knopf- und Regionalmuseums. und Lars Preußer