In der vergangenen Woche begann für viele Kinder wieder die Schule. Neue Klasse, neue Lehrerinnen und Lehrer, neue Wege, neue Gesichter. Für Erstklässler ist fast alles neu: der Schulranzen, der Stundenplan, der Schulhof, der Alltag. In vielen Kirchengemeinden gab und gibt es dazu Gottesdienste und Segensfeiern. Ein Schulanfang macht sichtbar, was sonst leicht übersehen wird: Jeder neue Schritt braucht Mut, und niemand weiß vorher genau, wie der Weg wird.
Neuanfänge gehören aber nicht nur ins Klassenzimmer. Auch Erwachsene erleben sie: ein neuer Arbeitsplatz, eine veränderte Familiensituation, eine Diagnose, ein Umzug, eine Trennung oder der Versuch, nach einer schwierigen Zeit wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Das Problem ist: Ein Neuanfang fühlt sich selten so frisch an, wie das Wort klingt. Wir nehmen unsere Geschichte mit. Enttäuschungen, Fehler, Sorgen und Verletzungen verschwinden nicht an der Tür zum neuen Abschnitt.
In der Bibel findet sich dazu ein erstaunlich realistisches Bild. Beim Propheten Jesaja heißt es über Gottes Knecht: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (Jesaja 42,3a, Luther 2017)
Kein makelloses Rohr. Keine hell brennende Fackel. Da ist etwas beschädigt, und da glimmt nur noch wenig. Doch genau das wird nicht aufgegeben. Frei übertragen: Was schon angeschlagen ist, zerbricht Gott nicht vollends. Was nur noch schwach glimmt, löscht er nicht aus.
Das ist eine tröstliche Sicht auf Neuanfang. Man muss nicht unversehrt sein, um weiterzugehen. Es reicht, dass noch etwas da ist: ein Rest Mut, ein Gespräch, das man wagt, ein erster Schritt, ein Mensch, der mitgeht. Auch kleine Schritte zählen, wenn ein großer gerade nicht möglich ist.
Christen erkennen darin Jesus. Er suchte nicht die Perfekten, sondern begegnete Kranken, Schuldigen, Ausgegrenzten und Erschöpften. Für Christen hat dieser behutsame Neuanfang ein Gesicht: Jesus Christus. Mit ihm ist Vergangenheit nicht ausgelöscht, aber Zukunft eröffnet.
. und Jörg BachmannPfarrer i.R.Kriebitzsch