Kein Platz am Rand
Gedanken zum Sonntag

Ein Sommerabend bei einem Dorffest im Altenburger Land. Auf dem Dorfplatz stehen Bierbänke. Die Musik klingt über die Dächer, Kinder laufen zwischen den Tischen hindurch. Es wird gelacht, gegessen und erzählt. Wer viele kennt, findet schnell einen Platz. Wer neu ist, allein kommt oder nicht weiß, wohin er gehört, bleibt erst einmal stehen. Ein Blick genügt, um zu spüren: Hier sind die Kreise längst geschlossen.

Solche unsichtbaren Grenzen gibt es nicht nur auf Festen. Sie verlaufen zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen, zwischen Jung und Alten, zwischen Wohlhabenden und Menschen mit wenig Geld, zwischen Lauten und Stillen. Manche wohnen seit Jahren hier und fühlen sich dennoch wie Gäste. Bei anderen geht es schnell, dass sie Vorort Anschluss finden.

In diese Erfahrung der geschlossenen Kreise hinein spricht der Epheserbrief einen überraschenden Satz: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ (Eph 2,19)

Das bedeutet mehr als Freundlichkeit. Ein Gast darf eintreten, solange er eingeladen ist. Ein Mitbürger hat Rechte. Ein Hausgenosse gehört dazu und trägt Verantwortung. Niemand wird nur geduldet. Niemand bleibt Bürger zweiter Klasse. Der Satz entstand in einer Welt voller Trennungen. Er verkündet: Die Mauer zwischen drinnen und draußen ist gefallen. Unterschiede verschwinden nicht. Aber sie dürfen Menschen nicht mehr voneinander trennen.

Damit stellt der Satz unsere Dörfer und Städte auf die Probe. Wer von Gott nicht als Fremder behandelt wird, kann andere nicht am Rand stehen lassen. Gemeinschaft wächst, wo Menschen einander Platz geben, zuhören und Verantwortung teilen.

Der erste Schritt: einen Menschen anzusprechen, einen Stuhl heranzurücken und aus einem geschlossenen Kreis einen offenen Tisch zu machen.

Entscheidend ist: Der Epheserbrief fordert nicht zuerst mehr Freundlichkeit. Er erzählt von Gott. In Christus reißt Gott die Trennwand ein. Aus Fremden macht er Mitbürger, aus Gästen Hausgenossen.

Gott selbst rückt den Stuhl heran und sagt: Du gehörst dazu. Darum ist in seinem Haus kein Platz am Rand – aber für jeden Menschen ein Platz am Tisch.

und Jörg BachmannPfarrer i.R.Kriebitzsch
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