„Praktisch veranlagt, ein wenig verrückt“
Paul Kuhn ist seit 40 Jahren guter Geist des Leipziger Theaters der Jungen Welt und denkt noch lange nicht ans Aufhören

Leipzig. „Ich könnte nächstes Jahr den Schlüssel auf den Tisch legen – aber kann ich ihn auch loslassen?“ Gute Frage. Seit 4o Jahren ist Paul Kuhn am Theater der Jungen Welt. Da blickt man da gern mal zurück – und ein wenig in die Zukunft vielleicht auch. Die Webseite des Theaters der Jungen Welt führt Paul Kuhn als Mitarbeiter im Künstlerischen Betriebsbüro, Inspizienten, Fuhrparkleiter, Hausarchivar, TdJW-Lexikon und – so steht es tatsächlich da – guten Geist des Hauses.

Dass der dennoch Zeit für ein Plauderstündchen gefunden hat, ist somit recht erstaunlich. Und erfreulich sowieso. Allein schon wegen des Unterhaltungswertes, den dieser Hausgeist mit sich bringt. Wobei im Gespräch natürlich zuallererst einmal die Frage zu klären ist, was einen guten Hausgeist auszeichnet?

„Das ist ganz einfach: Im richtigen Moment da sein. Immer dann, wenn es mal hängt und klemmt. Immer dann, wenn mal wieder mit großen ratlosen Augen Fragen im Raum stehen. Fragen wie: Kann man das so machen? Kriegen wir das hin? Schaffen wir das noch? Das sind die Momente, in denen ich erscheine wie der Geist aus der Flasche.“ Zaubern könne dann zwar auch er nicht, aber: „Seelische Unterstützung hilft ja auch. Vor Premieren sag ich immer: Macht euch keine Sorgen, ich bin bei euch!“

Will man Kuhn abseits solcher spiritueller oder wenigstens seelsorgerischer Qualitäten beschreiben, entsteht schnell das Bild eines nahbaren Exzentrikers oder menschenfreundlichen Kauzes. Und mithin eines Typus von Theateroriginal jener „Geht nicht? Gibt's nicht!“-Art, die langsam aber sicher verschwindet. Was man den Theatern anmerkt, aber das nur ganz nebenbei.

Nach dem Zehnklassenabschluss begann Kuhn 1982 eine Schlosserlehre: „Woraus ich vor allem eine Lehre zog: Jeden Tag mit ganz öligen Fingern auf den Feierabend warten? Das kann jetzt nicht die Zukunft sein! Aber was stattdessen? Ein Schulkamerad, den es in die MuKo verschlagen hatte, sagte mir damals: Du musst unbedingt zum Theater! Die brauchen Leute wie Dich – praktisch veranlagt und ein wenig verrückt.“ Paul Kuhn befolgte den Rat. Am 1. April 1986 trat er seine Arbeit im Theater der Jungen Welt an. Als „Kulissenschieber“ wie man damals sagte. Kuhn: „Die heutige Bezeichnung Bühnentechniker klingt natürlich seriöser.“

Wichtiger ist, dass Paul Kuhn bald nicht nur hinter der Bühne wirkte, sondern schnell auch auf ihr und mitten im Geschehen stand: „Wahrscheinlich hat mich das schon immer gelockt. Mein Vater war ja Geophysiker und Systemmathematiker und wollte, dass ich Meteorologe werde. Was mir gefallen hat. Aber weniger wegen der Meteorologie als solcher, als vielmehr wegen der Vorstellung, jeden Abend gut ausgeleuchtet vor der TV-Wetterkarte zu stehen und berühmt zu sein.“ Kuhn lacht verschmitzt: „Meine erste Bühnenrolle im TdJW war dann ein Turmwächter in Dornröschen. Meine Spielhandlung: Mit großer Pose den Prinzen wegschieben.“

Was Kuhn einprägsam genug bewerkstelligte, um immer wieder neue Rollen zu bekommen. Drei von vielen: In einer Theateradaption des „Pinocchio“ gab er den Lucignolo („meine erste große Sprechrolle“), in „Das kleine wilde Tier“ hatte er einen stürmisch raschelnden Busch zu mimen, während er späterhin aus einem solchen hervorbrechen musste: als Sherwood-Forest-Hirsch in einer „Robin Hood“-Inszenierung. „Da hatte ich röhrend mit einem Fahrrad über die Bühne zu rollen - angetan mit einem Kostüm, in dem ich aussah wie eine mutierte Bockwurst, der ein Geweih gewachsen war. Unvergesslich!“

Unvergesslich auch Kuhns Lieblingsrolle: 2010 brachte das TdJW mit „Herzklopfen kostenlos“ eine Puppentheater-Varieté-Inszenierung auf die Bühne, eine „ultimative Talentshow für Puppen und Anhang“, in der Kuhn als Nummerngirl ein fester Bestandteil und der heimliche Star sowieso war. Und ja: Travestie-Kunst gehörte auch zu den Betätigungsfeldern dieses umtriebigen Theater- und Unruhegeistes.

„Travestie-Shows habe ich sehr gern gemacht. 30 Jahre lang, auf zig Bühnen, in verschiedensten Rollen. Aber dann hatte ich das 50. Lebensjahrzehnt erreicht und mir gesagt, in dem Alter huppt man einfach nicht mehr als Antonia aus Tirol, Mireille Mathieu oder Tina Turner in High Heels auf der Bühne rum. Ein Jahr hab ich mir noch Zeit gegeben. Zum Loslassen. Aber dann war's gut so.“ Mit der Arbeit im TdJW wird das natürlich auch irgendwann „gut so“ gewesen sein. Das ist der Lauf der Zeit, selbst für Hausgeister. Sieben Intendanzen hat Kuhn erlebt. Und alle Interim-Orte, an denen das Kinder- und Jugendtheater in einer langen Nomadenphase campieren musste: Von einer Bühne in der Kohlgartenstraße über das Haus Leipzig in der Elsterstraße bis zum Zirkuszelt auf dem Jahrtausendfeld (Kuhn: „Das Zelt hatte vier Feinde: Frühling, Sommer, Herbst und Winter.“) führte der Weg 2003 endlich ins feste Domizil am Lindenauer Markt.

Warum das Theater der Jungen Welt seine angestammte Heimat, den Weißen Saal der Kongresshalle, verlassen musste, ist ein Stück Leipziger Theaterhistorie, das Kuhn aus nächster Nähe miterlebte: „Das war im August 1989. Ein Kollege Kulissenschieber war so in Wut entbrannt darüber dass er nicht mit zu einem Gastspiel nach Kiew durfte, dass er Feuer im Haus legte. Ich erinner‘ mich noch an die Stasi-Verhöre nach dem Brand. Die wichtigste Frage der Genossen war, wer hier im Theater eigentlich alles einen Ausreiseantrag gestellt und den nicht genehmigt bekommen habe. In deren Welt konnte nur das der Grund für eine solche Tat gewesen sein. Ein gekränkter Narzisst, also ein total unpolitisches Motiv, muss die total verstört haben.“

Wenn Kuhn seine TdJW-Dekaden Revue passieren lasse, erscheinen ihm die ersten 15 Jahre immer als die Glücklichsten. Nicht, dass er danach keinen Spaß mehr gehabt habe: „Im Gegenteil, der Spaß bleibt mir treu. Aber…“ Kuhn hält inne, überlegt: „Ich sag's mal so: Ich habe damals das Theater als eine Insel der Freiheit und Phantasie erlebt. Das ist es heute immer noch - aber: Wir waren damit, ehrlich gesagt, schon weiter. Ich glaube, man wusste das damals einfach viel mehr zu schätzen, die Freiheit, die Phantasie. Die Lust am Spiel …“

Zeit also den Schlüssel auf den Tisch zu legen und loszulassen? Paul Kuhn antwortet wie es einem Hausgeist gebührt: „Naja: Im Theater ist ja immer Theater, sonst ist es kein Theater. So schnell fällt die Tür nicht ins Schloss.“ Sagt's, nimmt den Schlüssel vom Tisch und geht wieder an die Arbeit.und S. Georgi

Infos:

theaterderjungenweltleipzig.de



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