„Die Leute vor die Tore der Stadt locken”
Die Leipziger Autorin Manja Reinhardt besucht jeden Ort persönlich und schafft so besondere Tipps für die Region

Manja Reinhardt schreibt lokale Reiseführer. Zuletzt erschien ein Buch über Hofläden in Sachsen und eins über Weinorte in der Saale-Unstrut-Region. Foto: André Kempner
Leipzig. Wenn Manja ­Reinhardt über ihre Arbeit spricht, klingt das nicht nach einem stillen Autoren-Dasein. Sie erzählt von Fahrten auf der Landstraße, von spontanen Gesprächen mit Ladenbesitzern und kleinen Verkostungen. „Ich will nicht über Dinge schreiben, die ich nicht kenne“, sagt sie. „Ich will immer vor Ort gewesen sein.“

Genau dieser Anspruch prägt ihre Reiseführer. Als der Wartberg-Verlag mit der Idee für ein Buch über ­regionale Läden, Höfe und Manufakturen in Sachsen auf sie zukam, da stieß er bei ihr zunächst nicht nur auf Begeisterung, sondern auch auf Respekt. Die Anfrage kam im Juni vergangenen Jahres. Bis zur Buchmesse im März dieses Jahres sollte das Ganze fertig sein. Viel Zeit blieb also nicht. „Ich war nicht sicher, ob ich das überhaupt schaffe“, gibt sie zu. Also legte sie sofort los: Reinhardt­ ­recherchierte im Internet, prüfte und plante. Aus ersten Notizen wurde schnell „eine riesige Liste“ mit Orten, die für das Buch infrage kamen.

Die Auswahl traf Reinhardt anhand nüchterner Kriterien. „Wenn eine Website aussieht wie von 1995 und man dort keine festen Öffnungszeiten findet, dann ist das für so ein Buch prob­lematisch”, sagt sie. „Ich bin sonst unglaubwürdig, wenn ich einen Ort empfehle und dann findet man im Netz nichts darüber”. Voraussetzung seien deshalb eine halbwegs aktuelle Internetseite und regelmäßige Öffnungszeiten gewesen.

Im Buch sind etwa 90 Adressen von Hofläden aus ganz Sachsen versammelt. Die meisten davon besuchte Manja Reinhardt spontan – ohne vorherige Ankündigung. „Aber ich will ja nicht durch so einen kleinen Laden rennen und wild alles fotografieren“, sagt sie. Also stellte sie sich vor, erklärte stets ihr Projekt. Viel mehr braucht es oft nicht, um ins Gespräch zu kommen. „Die Leute sind alle so stolz auf ihre Produkte und stehen richtig dahinter.“ Es sind diese Begegnungen, die ihr besonderen Spaß machen.

Während der Recherche entdeckte sie auch Außergewöhnliches in Sachsen: In Erinnerung geblieben ist ihr zum Beispiel ein Lavendelfeld in Niesky in der Lausitz, das auf sie „ein bisschen wie in der Provence“ wirkte. ­Familien saßen dort und picknickten. Daneben der kleine Hofladen, der mit viel Herzblut geführt wird und in dem neben Lavendelöl auch Lavendelschokolade und -salami verkauft wird. „Dieses Gefühl dort war einmalig“, sagt Reinhardt.

Auch andere kleine Läden in Sachsen sind ihr im Gedächtnis geblieben: die Bonbonmanufaktur in Wehlen in der Säch­sischen Schweiz, der Holzspielzeug-Hersteller aus Markranstädt etwa oder das Trüffel­geschäft aus Eilenburg. „Diese kleinen Läden sind meistens ­liebevoll und oft passend zum Thema eingerichtet“, hat sie festgestellt.

In einer Mühle hingen historische Arbeitsgeräte an der Wand, sie fühlte sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt. In einem Ziegenbauernhof in ­Radebeul, wo Ziegenkäse und Weinbau zusammengehören, wird der Mist der Tiere als Dünger für die Reben genutzt. Solche Kreisläufe, sagt Reinhardt, beeindrucken sie ­besonders.

Nachhaltigkeit sei bei ihrer ­Recherche zwar kein Auswahlkriterium gewesen, wohl aber etwas, das sich an vielen Orten gezeigt habe. Viele kleine Betriebe arbeiteten sehr bewusst, auch, wenn sie keine offizielle Bio-Zertifizierung hätten. „Je kleiner der Betrieb, desto nachhaltiger wird meist gearbeitet“, ist ihr Eindruck.

Mit ihrem Hofladen-Führer will Manja Reinhardt nicht nur informieren, sondern Lust aufs Unterwegssein machen. Viele Leserinnen und Leser sagen ihr, sie hätten gar nicht gewusst, was es in Sachsen alles gebe. ­Genau darum geht es ihr: nicht immer nur auf die großen Städte zu schauen, sondern auch auf das, was davor und dahinter liegt. „Das Buch soll die Leute vor die Tore der Stadt locken.”

Geboren und aufgewachsen ist die heute 51-Jährige in Zeitz. Nach der Schule ging sie nach Leipzig, um Soziologie zu studieren. Viele Jahre arbeitete sie bei einer Bank als Teamleiterin im Callcenter. Die ersten Reiseführer schrieb sie neben dem Beruf. Seit zwei Jahren lebt Manja ­Reinhardt hauptberuflich vom Schreiben. Nach der Elternzeit vor vier Jahren entschied sie sich, den Schritt in die Selbstständigkeit zunächst teilweise zu wagen – und hat es bisher nicht bereut. Was sie mag, ist die Flexibilität, die ihr Beruf mit sich bringt. Wenn sie ihre Tochter in der Kita abgeliefert hat, plant sie sich ihren Tag so, wie es ihr gefällt. „Ich liebe Listen”, sagt die Autorin. „Ich schreibe mir immer auf, was ich erledigen will und hake dann ab.” Morgens liest sie zunächst die Tageszeitung, um zu wissen, was in der Region los ist, dann werden E-Mails beantwortet und getextet. „An manchen Tagen bin ich draußen unterwegs für Recherchen.” Beim ­Besuch der Hofläden waren ­übrigens Reinhardts Mann und ihre Tochter meistens dabei – so wurde die Recherche mit einem Familienausflug kombiniert.

Auch bei der Recherche für ein weiteres Buch über „Weinorte“ in der Saale-Unstrut-Region hatte die Autorin die Familie im Schlepptau. In klassischen Reiseführern kämen die lokalen Winzer oft zu kurz, habe sie festgestellt. Mit ihrem Buch schließe sie nun diese Lücke. Die Idee zu dem Projekt reifte bereits seit 2019, die intensive Vor-Ort­Recherche nahm schließlich fast ein ganzes Jahr in Anspruch.

Dabei war Manja Reinhardt wichtig, authentische Eindrücke zu sammeln. „Wir haben versucht, überall verschiedene Weine zu probieren, um einen guten Überblick zu bekommen.“ Bei manchen Winzern verweilte sie dafür auch gerne etwas länger. Wert legt sie außerdem auf ­redaktionelle Unabhängigkeit: Keines der Weingüter hat für die Aufnahme in den Reiseführer bezahlt, sämtliche Rechnungen beglich die Autorin aus eigener Tasche.

Da die Weingüter nur von Frühling bis Herbst geöffnet haben, verlief die Recherche nach einem straffen Zeitplan. Maximal drei Orte pro Tag ließen sich bewältigen – eine Tour, die aufgrund der ländlichen Infrastruktur fast ausschließlich mit dem Auto machbar war. Eine besondere logistische Herausforderung stellten die vielen kleinen Straußenwirtschaften dar, die oft nur an einigen bestimmten Terminen geöffnet haben. Da galt es, exakt den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Und wenn der Termin im Kalender stand, wurde er durchgezogen – egal ob bei 32 Grad Hitze oder im strömenden Regen.

Neben Reiseführern über die Region entwickelt die Wahlleipzigerin auch verschiedene Quizze – erschienen ist zuletzt eins über die Messestadt. Dafür ­recherchierte sie in Archiven und Bibliotheken, weil sie, keine „langweiligen Faktenfragen“ wollte. Außerdem tüftelt sie derzeit an einem neuen Quiz zum 40. Geburtstag — bestens geeignet als Geschenk oder Partyspiel für jemanden, der dieses Alter erreicht. Außerdem bietet Reinhardt kulinarische Stadtführungen an: fünf oder sechs Stationen, kleine Kostproben, dazu Geschichten über Stadt und Menschen.

Skeptisch sieht Manja Reinhardt den Boom KI-generierter Reiseführer. Gerade für Leipzig gebe es inzwischen sehr viele davon, sagt sie. Oft erkenne man schon am Cover, dass etwas nicht stimmen könne. Wer die Stadt aber nicht kenne, merke das womöglich erst nach dem Kauf. Lesungen und persönliche Begegnungen seien für sie auch deshalb besonders wichtig. „Da sieht man, ich bin aus Fleisch und Blut. Ich war vor Ort“, sagt sie.

Derzeit recherchiert Reinhardt für ein neues Buchprojekt über Fahrradtouren durch Leipzig, das nächstes Jahr zur Buchmesse erscheinen soll. Zwölf thematische Touren durch die Stadt will sie darin vorstellen – etwa eine zur Sportstadt Leipzig, eine zum jüdischen Leipzig und eine vom Wildpark zum Markkleeberger See. Also ist Manja Reinhardt nun wieder mitten in der Recherche – und tritt dafür diesmal kräftig in die Pedale.Gina ApitzAm 21. Juni (15 Uhr) stellt ­Manja Reinhardt in der Kunstvilla in Bad Sulza ihr Buch „Weinorte“ vor.

Der SachsenSonntag verlost zwei Exemplare ihres Buchs „Hofläden und Manufakturen in Sachsen“, drei Exemplare des Weinorte-Buchs sowie ein Leipzig-Quiz.

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