Im Gepäck ist eine geheimnisvolle Mappe ...
Titelgeschichte: US-amerikanisches Musiker-Ehepaar bringt Baupläne des zweiten Gewandhauses zurück

Diese Pläne sind in der Mappe: Steven Lewis zeigt die Dokumente.Foto: André Kempner
Leipzig. „Angekommen!“ Steven Lewis, Waldhorn-Experte aus Chicago, legt die Hand aufs Herz und ist ganz erleichtert, als er das am Dienstag sagen kann. Der Amerikaner ist seit mehr als 40 Jahren im Besitz einer Mappe, die aus Leipzig stammt – und von der er immer wusste, dass sie in die Musikstadt Leipzig zurückkehren muss. Jetzt kann er diese selbst auferlegte Mission endlich erfüllen.

Was ist drin in der geheimnisvollen Mappe im A3-Format? Den genauen Inhalt kannte der Mittsiebziger bislang selbst nicht. Aus Sorge, die 140 Jahre alten Blätter könnten auseinanderfallen, hat er sie noch nie vollständig ausgepackt. Mit weißen Handschuhen lüftet er nun das Geheimnis, auch für sich selbst.

Wer die Mappe nach Amerika mitgenommen hat, bleibt wohl für immer ein Rätsel. Steven Lewis entdeckte sie in Chicago in einer alten, verlassenen Buchhandlung. In einem Haus, das er vor mehr als 40 Jahren kaufte, um sich darin sein Instrumentenbau-Studio einzurichten. Mit seiner Frau Judith Zunamon Lewis sprach er immer wieder davon, die Dokumente eines Tages nach Leipzig zu bringen.

Judith Lewis, eine Musikerin in ihren Sechzigern, ist Oboistin. Oft hat sie Konzerte in Deutschland gegeben: in München, Frankfurt/Main, Köln, Hamburg, Heidelberg. Aber nach Leipzig hat sie es noch nie geschafft. Dabei liebt sie Bach und Mendelssohn, hat deren Musik so oft gespielt.

In diesem Jahr bietet sich endlich die Gelegenheit: Steven Lewis nimmt im Juli am Internationalen Horn-Symposium in Krakau teil. Auf der Rückreise über Dresden nach Leipzig soll die Übergabe der Mappe stattfinden. In der Oper, denn die beiden Musiker gehen davon aus, es handele sich um das einstige Neue Theater am Augustusplatz, Vorgängerbau der Oper Leipzig – und beim Bombenangriff am 4. Dezember 1943 zerstört.

Es ist ein Missverständnis. Erst in Leipzig, beim Blättern in den historischen Papieren, stellte sich heraus: Sie betreffen gar nicht die Oper, sondern das Gewandhaus und die Musikhochschule.

Aber egal, Musikstadt ist Musikstadt: „Wir nehmen die Mappe entgegen und werden sie dem Stadtarchiv oder dem Stadtgeschichtsmuseum übergeben, damit sie als Ganzes erhalten bleibt“, versichern Detlef Hahn vom Technischen Kabinett der Oper Leipzig und Steffi Weppernig, Büroleiterin und Eventmanagerin des Hauses.

Die gut erhaltene Mappe stammt von 1886. Sie war gewissermaßen ein Fachdokument für Architekten. Gedruckt wurde sie im Leipziger Verlag Dorn & Merfeld in der Sidonienstraße, heute Paul-Gruner-Straße. Die darin enthaltenen Fotos und Bauzeichnungen vom Neuen Concerthaus zu Leipzig wurden von dessen Architekten Martin Gropius und Heino Schmieden selbst angefertigt.

Mit dem Neuen Concerthaus ist das zweite Leipziger Gewandhaus gemeint. Der Vorgänger des heutigen dritten Gewandhauses stand im Musikviertel an der Grassistraße/Ecke Beethovenstraße und wurde zwischen 1882 und 1884 errichtet. Er diente dem Gewandhausorchester als Spielstätte und bot insgesamt 2000 Plätze in prachtvollem Ambiente.

In diesem Haus schlug Bruckner die Orgel, strich Hindemith die Bratsche, griff Strawinsky in die Klaviertasten, dirigierten Brahms, Grieg, Strauss, Tschaikowski und weitere berühmte Komponisten. Von Bomben getroffen, brannte das Neue Gewandhaus im Februar 1944 aus.

Laut Aufdruck sollte die Mappe „12 Mattlichtdrucke nebst einem Grundriss“ enthalten – tatsächlich sind es aber etwa 25 Blätter. Zusätzlich hineingelegt wurden Dokumente über das „Königliche Konservatorium zu Leipzig“, sprich das Gebäude der heutigen Hochschule für Musik und Theater in der Grassistraße.

„Die Dokumente mögen historischen und kulturellen Wert haben. Für mich ist es ein Geschenk an Leipzig, Sachsen und die Menschen hier. Dass Bomben auf die historischen Stätten gefallen sind, und dass sie wiederaufgebaut wurden, berührt mich sehr“, so Steven Lewis.

Nachdem diese Mission erfüllt war, wollte er mit seiner Frau die Thomaskirche und das Bach-Grab besichtigen. und K. Decker
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