Von Leipzig nach Rom mit Trabi „Schorsch“
Ein grüner Trabant bringt ein Leipziger Hochzeitspaar heil durch Italien und wieder heim / Mit Tempo 80 ging es in der rechten Spur 4200 Kilometer bis Rom – auf den Spuren von Goethe und dem Kultfilm „Go Trabi Go“/ Nicht nur die fehlende Klimaanlage schweißte sie zusammen.

Der Schutzengel fuhr immer mit im Trabi – gekauft im Kloster Benediktbeuern, wo auch Goethe sich aufgehalten hat.
Leipzig. Eine Hochzeitsreise zu zweit kann jeder – doch für Gabriela Schwuchow-Zielke (58) und Jörg Zielke (63) aus Leipzig kam das nicht infrage. „Schorsch“ musste mit, schließlich gehört er zu ihrem Leben.

Mit ihrem Trabi „Schorsch“ nach Italien zu fahren, davon träumten die beiden Leipziger seit Jahren. Kennengelernt hatten sich die Verwaltungsfachangestellte und der Ingenieur für Rohrleitungsbau auf dem Leipziger Stadtfest im Juni 2016. Zwei Monate später, zu seinem Geburtstag, schenkte sie ihm Johann Wolfgang Goethes Buch „Italienische Reise“.

Die handgeschriebene Karte liegt noch heute drin: Mit dem Buch wollte Gabriela ihren Partner motivieren, dass er seinen persönlichen Traum vom Wiederaufbau des Trabis verwirklicht. Und dass auch ihr gemeinsamer Traum wahr werden kann: Mit dem Trabant wollten sie in Rom einfahren. So wie Familie Struutz aus dem Kultfilm „Go Trabi Go“, den sie einige Male gesehen hatten.

Unterwegs wollten die Leipziger den Stationen Goethes folgen, die er auf seiner zweijährigen Italienreise von 1786 bis 1788 absolviert hatte. Der Dichterfürst war seinerzeit allerdings mit der Kutsche unterwegs.

Unzählige Stunden hatte Jörg Zielke in der Garage verbracht, an dem kleinen grünen Trabi geschraubt, repariert, gereinigt. Mit dem Wunsch, ihn eines Tages wieder zuverlässig auf die Straße zu bringen.

Der Ingenieur, der die Woche über auf Montage arbeitet, hatte die „Rennpappe“ nach der Wende von einer Freundin gekauft, zum symbolischen Preis von einer D-Mark. Damals war das Auto fast neu, Baujahr 1989 und nur wenige Kilometer gefahren. Doch als er es 2011 aus der Garage holte, war es keineswegs fahrbereit.

Gebaut in der Endphase der DDR, hatte der Trabi nur einen mangelhaften Korrosionsschutz. Der Vorbesitzer hatte sich nicht weiter gekümmert, ein Unfallschaden war unsachgemäß repariert, die Blechteile stark durchgerostet.

Also nahm Jörg Zielke den Trabant komplett auseinander und baute ihn neu auf. Zum Glück hatten seine Eltern auch einen Trabi besessen. So hatte er alles schon mal miterlebt: Liegenbleiben, Reparieren auf der Strecke, den festgefahrenen Motor wechseln. „Von seinem Vater hat er viel gelernt“, erzählt seine Frau. Die erste Ausfahrt mit „Schorsch“ führte darum auch nach Gräfenhainichen, in die Heimatstadt des Vaters, der inzwischen verstorben ist.

„Unser Traum von der Italienreise wartete still und leise darauf, Wirklichkeit zu werden“, erzählt Gabriela Schwuchow-Zielke. Nach der standesamtlichen Hochzeit 2024 kamen persönliche Schicksalsschläge dazwischen – die kirchliche Trauung samt Hochzeitsreise wurde auf Mai 2026 verschoben.

Am 31. Mai 2026 erlebten die Zielkes dann endlich ihren „Go Trabi Go“-Moment: Der Zündschlüssel klickte, und die Fahrt nach Rom konnte beginnen.

Vier Wochen Urlaub, 24 gut geplante Etappen und mehr als 4200 Kilometer lagen vor ihnen. Jeder konnte nur einen Koffer mitnehmen, der restliche Platz im Kofferraum ging für Ersatzteile, Werkzeug und Benzinkanister drauf.

Mit 80 bis 90 Stundenkilometern ging es vorwärts, immer auf der rechten Spur. Zuerst nach Karlsbad. Am Grandhotel Pupp, wo die europäische High Society mit dicken Luxuswagen vorfährt, erregte das DDR-Kultauto Aufsehen. „Dort haben wir es mal richtig krachen lassen“, erzählt Gabriela schmunzelnd. Ansonsten übernachteten sie in normalen Hotels, wo es für „Schorsch“ einen sicheren Parkplatz gab.

Zu Beginn ihrer Reise ahnte das Trabi-Pärchen noch nicht, wie viele Hitzetage (ohne Klimaanlage) vor ihnen lagen, wie viele Gewitter, Alpenpässe und Wetterwechsel. Beim ersten heftigen Gewitter in Karlsbad stellte sich heraus: „Schorsch“ ist nicht ganz dicht, im Kofferraum sammelt sich seitlich Regenwasser.

Doch der Oldtimer mit H-Kennzeichen schlug sich tapfer. Das Tanken wurde zum Ritual mit Peilstab und Rechentabelle, damit zum Benzin auch die richtige Menge Öl in den Tank kam. Der Duft von Benzin mischte sich mit der italienischen Sommerluft.

Nach Bozen, Verona und dem Gardasee kam etwas viel Beunruhigenderes dazu: „Der Motor klingt komisch“, konstatierte Jörg Zielke, der als „Kapitän“ die ganze Zeit am Steuer saß. In Mailand machten die Zielkes eine Oldtimer-Werkstatt ausfindig. Dort freuten sich die Monteure zwar über den Trabi, konnten aber nicht helfen.

Von Anfang an bestimmte der Trabant das Tempo auf der Tour – und von da an umso mehr. Die Zielkes änderten ihre Route, ließen Berge aus, fuhren über flache Strecken und Autobahnen, um mit ihrem „Schorsch“ auch wieder heil nach Hause zu kommen.

Die Einfahrt in Rom, von der sie so lange geträumt hatten, wurde für die beiden ein Erlebnis „wie im Film“. Lächelnde Gesichter, Daumen hoch, Hupen oder Gefilmtwerden von Wildfremden bleiben unvergessliche Erinnerungen.

Natürlich steuerten die Leipziger am Gardasee den Campingplatz Fornella an, wo Szenen von „Go Trabi Go“ gedreht wurden.

Die Extra-Station Mailand nahmen sie mit, weil sich für Gabriela dort ein Herzenswunsch erfüllte: ein Konzert mit Eros Ramazzotti im San-Siro-Stadion. Vor 35 Jahren hatte sie ihren Schwarm schon mal live in Leipzig erlebt. „Ihn nun in Italien selbst zu hören, war wirklich Gänsehaut pur.“

Auch der gute alte Goethe hat dem Paar viel gebracht: „Die Erkenntnis, dass wir 240 Jahre später an denselben Orten stehen können und so vieles davon noch existiert. Dass es nicht nur erhalten, sondern bis heute gepflegt und wertgeschätzt wird.“ Ihnen sei bewusst geworden, welches kulturelle Erbe Europa besitzt, das seit Generationen bewahrt wird.

Dank Goethe als „Reiseführer“ lernten die Leipziger wunderbare Orte kennen. In Malcesine besuchten sie das Castello Scaligero: Als der Dichter diese Burg zeichnete, wurde er für einen Spion gehalten. In Bologna schauten sie sich die alte Universität an und wandelten unter den wunderschönen Arkaden. In Verona besuchten sie, wie er, einen prachtvollen Zypressen-Garten. Und in Terni (Umbrien) bewunderten sie den Wasserfall Cascata delle Marmore.

„Schorsch hat es bis nach Hause geschafft. Mit Herzflimmern ist er zurück in seine Garage gekommen“, berichtet Gabriela Schwuchow-Zielke. Ihr Mann muss nun wieder ran und den Motor wechseln.

Die Enge im Auto, die südländische Hitze – „unsere Klimaanlage waren heruntergelassene Fenster“ – und die Angst um den Motor haben Gabriela, Jörg und ihren Trabi in den Flitterwochen noch mehr zusammengeschweißt: „Wir haben schon wieder große Sehnsucht, noch mal so eine Reise zu machen.“

und K. Decker

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