Vormittags an einem sonnigen Apriltag. Poßecker steht auf dem Balkon eines fünfstöckigen Plattenbaus in der Karlsruher Straße. Roter Bart, runde Brille, freundliche Gesichtszüge. Unter ihm ein grüner Hinterhof, Vögel, blühende Pflanzen. Eine Nachbarin hängt Wäsche auf. „Sie ist auch Teil des Films“, sagt er. „Ich filme oft einfach das, was sowieso passiert.“
Die Wohnung hat ihm die Wohnungsgesellschaft Lipsia für die Dreharbeiten kostenfrei überlassen. Rüschengardine vom Discounter, mit Panzertape befestigt. Dunkle DDR-Möbel, Kunst an den Wänden. Der Mittelpunkt: sein Schreibtisch, darauf ein Laptop. Hier produziert er den Film. „Ich wollte nicht von außen auf Grünau schauen, sondern wirklich über einen längeren Zeitraum hier sein.“ Dann schnappt er seine Tasche, nimmt die paar Stufen, steht auf Asphalt. Vor ihm: Grünau.
Die Idee kam von einer Freundin. Es sei Jubiläum, sagte sie, mach doch was dazu. Er fing einfach an. Zwölf Monate später ist er immer noch da. „Mich interessiert nicht die schnelle Einschätzung, sondern was passiert, wenn man länger bleibt und zuhört.“ Mit Grünau verband den Leipziger wenig. 1987 in der Südvorstadt geboren, mit neun nach Paunsdorf gezogen, nebenan die Platte. Für ihn als Kind sei das Leben im Umfeld der Plattenbauten so normal gewesen wie alles andere.
Nach dem Abitur ging er weg. Ausbildung in Wiesbaden, Studium in Mainz, Auslandsjahr in Kanada. 2014 kehrte er zurück. „Ich habe erst nach meiner Rückkehr gemerkt, wie viel ich von Leipzig noch gar nicht kannte, obwohl ich hier aufgewachsen bin.“ Für den Film taucht er ab in die Grünauer Geschichte. Fertigstellung 1976, einstiges Prestigeprojekt, dann die Wende und mit ihr der Wegzug, Leerstand, ein deutlicher Einbruch. Damals 85 000 Bewohner, heute rund die Hälfte.
Kurz vor Mittag parkt er ein rotes Carsharing-Auto am Allee-Center, läuft zur Stuttgarter Allee. Ein Motiv: Bäume in voller Frühlingsblüte vor einem der Betonriesen. Stativ aufgebaut, Kamera ausgerichtet. Dann kommen Kinder angerannt. Sie laufen ins Bild, toben, lachen. Poßecker geht darauf ein. Verwenden kann er die Szene nicht: Ohne schriftliches Einverständnis der Eltern landet nichts im Film. „Das passiert ständig. Man erlebt tolle Momente, und genau die kann man dann leider nicht nutzen.“
Meist dreht er mit Stativ. „Die Architektur ist sehr klar und wiederholend. In statischen Bildern kann man diese Struktur viel besser wahrnehmen“, sagt er. „Die Bewegung kommt durch die Menschen.“ Und die stehen im Mittelpunkt. Er liebe es, individuelle Geschichten einzufangen, in Lebensrealitäten einzutauchen. Auf eine klassische Off-Stimme verzichtet er bewusst. Die Geschichten sollen aus den Begegnungen entstehen, nicht erklärt werden. Das hat er schon mal gemacht. Sein vorheriger Film „Hütten sind für alle da“ über die Menschen der Eisenbahnstraße war ein Überraschungserfolg. „Die Fallhöhe nach dem Hütten-Film ist hoch“, sagt er und lacht. „Zum Glück denke ich da nicht so oft dran.“
Später, vor einem Dönerimbiss an der Stuttgarter Allee, stellt er die Kamera ab. Zufällig filmt sie das Schaufenster eines leer stehenden Ladens. Ein älterer Mann mit Rollator geht vorbei, spiegelt sich im Glas. Poßecker drückt schnell auf Aufnahme. Viele seiner Bilder entstehen so: nicht geplant, sondern spontan.
Die Serie ist im Kern eine One-Man-Produktion. Dreh, Ton, Schnitt, Mastering laufen bei Poßecker zusammen, bei Tonmischung und Corporate Design unterstützen externe Partner. Die Hälfte der Musik kommt aus Leipzig. Das alles entsteht parallel zu den Auftragsarbeiten, ohne die es sich nicht tragen ließe. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Film- und Fotoproduktionen für Unternehmen, Veranstaltungen und die Stadt Leipzig. In zwölf Monaten flossen mindestens zwei bis drei Tage pro Woche in den Grünau-Film: „In zwei Minuten Film stecken vier oder fünf Tage Arbeit.“.
Nachmittag. Poßecker steht in einer Straße. Nur Einfamilienhäuser. „Alles Plattenbauten aus Waschbeton“, sagt er begeistert. Er klingelt. Jemand öffnet. „Ich drehe einen Film über Grünau. Haben Sie Fotos vom Hausbau?“ Ein Gespräch beginnt. Die schwarz-weißen Bilder wird er später per E-Mail bekommen.
Ein großer Teil seiner Arbeit besteht nicht aus dem Filmen, sondern aus Gesprächen auf der Straße. Manche dauern eine halbe Stunde oder länger, oft mit Menschen, die gar nicht vor die Kamera wollen. „Viele haben das Bedürfnis, einfach mal gehört zu werden“, sagt Poßecker. Gerade Ältere schienen manchmal darauf gewartet zu haben, dass sich jemand Zeit nimmt. „Solche Begegnungen sind im Alltag selten geworden.“
Für Poßecker ist Grünau „vielseitig und spannend“. Das Projekt „Nukleuswohnen“, bei dem Architekturstudierende neue Wohnformen in einem Plattenbau erproben, ist nur eines von vielen Beispielen. Beeindruckt ist er von den Initiativen und Vereinen vor Ort, die sich um ihren Stadtteil kümmern. „Es war gut, sich Zeit zu nehmen und wirklich mit Menschen zu sprechen. Die Lebensrealitäten hier sind sehr unterschiedlich, aber viele Menschen haben eine starke und liebevolle Verbindung zu Grünau.“
Am Ende dieses Tages steht Birk Poßecker zwischen den liebgewonnenen Plattenbauten. Hat sich der Aufwand gelohnt? Kein Zögern. „Wenn du das Schlechte suchst, findest du das Schlechte. Wenn du das Gute suchst, findest du das Gute“, sagt Poßecker. „Aber das Gute musst du in Grünau nicht lange suchen.“ Nicht nur kurz vorbeischauen, sondern bleiben. Er hat es getan. „Ich habe Grünau in dieser Zeit wirklich ins Herz geschlossen.“
Schwenk ins Hier und Jetzt: Die vergangenen Wochen hat er mit dem Feinschliff verbracht. Am 1. Juni ist schließlich die Premiere, danach sollen die Folgen online erscheinen, unter anderem auf Youtube. und V. EbnethInfos bei Instagram:
@gruenau50