„Es gibt keinen Grund, woanders zu wohnen“
Menschen und Orte: Ein Streifzug durch einen besonderen Leipziger Stadtteil, der in diesem Jahr ein rundes Jubiläum feiert

Grüne Oase zwischen Plattenbauten: Gert Kunz im Kolonnadengarten Grünau. Er ist hier „diensthabender Gärtner“. Foto: Wolfgang Sens
Sanft biegt der Wind das Schilf und riffelt das Wasser. Büsche voll farbsatter Blüten ragen auf den Teich, zwei Schildkröten räkeln die Hälse Richtung Sonne. Eine Idylle, die man mit Urlaub verbindet. Mit Leipzig-Grünau hingegen wenig bis gar nicht. Doch genau hier liegt diese Oase namens Kolonnadengarten, mitten in jenem Stadtteil, der oft auf die Tristesse von Plattenbauten reduziert wird – und doch so viel mehr ist.

50 Jahre sind seit der Grundsteinlegung vergangen. Ein halbes Jahrhundert Großwohnsiedlung, die nicht organisch wuchs, sondern planmäßig, in strenger Geometrie, gedacht als Stadtteil der Zukunft. In Grünau stecken tausende Biografien, hier wohnen Vergangenheit und Erinnerungen. Wie lebt es sich, und wie sieht‘s nun aus mit der Zukunft, mit Spielräumen?

Auf der Suche nach Menschen und Antworten gibt es wohl keinen besseren Begleiter als Uwe Walther. Bis zum vergangenen Jahr leitete der 64-Jährige das Soziokulturzentrum Komm-Haus. Er verantwortet seit 1996 das Stadtteilmagazin „Grün-As” und lebte selbst über 20 Jahre lang hier, im WK 2 und WK 8, Abkürzung für „Wohnkomplex“.

Dabei hat Grünau eine Menge erlebt: Früher galt der Stadtteil als prestigeträchtig, nach der Friedlichen Revolution war er verschrien als Ghetto. Doch die vergangenen Jahre haben einiges korrigiert. Grünau ist keineswegs die trostlose Schlafstadt, sondern ziemlich wach und wert, geschätzt zu werden.

Unter anderem für das Geschehen im Heizhaus, das Angebote quer durch die Generationen bündelt. Hier gibt’s Gedächtnistraining für graue Zellen ebenso wie offene Kinderarbeit, eine Koordinierungsstelle für Graffiti undeinen Skatepark. Mit ihren Mulden und Aushöhlungen sieht die Betonanlage aus wie eine Poollandschaft ohne Wasser.

Gerade steigt Isabell aufs Brett, um Kickflips zu üben. „Mir gefällt der Stadtteil“, sagt die 25-jährige Tätowiererin. „Er bietet für jeden etwas, außerdem kann man hier noch die Miete bezahlen.“ Und, so fügt sie an, die Verkehrsanbindung zum Zentrum sei sehr gut.

Nicht weit vom Heizhaus liegen zwei für Grünau unverzichtbare Ortezwischen Kunstund Kommerz, die jeweils 30-jähriges Bestehen feiern. Das Theatrium öffnet Kindern und Jugendlichen Räume und erarbeitet Stücke mit ihnen. Hinter der Schauspiel- steckt auch Sozialarbeit: Nicht selten ist das Theatrium Auffangbecken für Heranwachsende, die zu Hause weder Zuneigung noch Orientierung bekommen. Seit 2015 hat es ein neues, extra gebautes Domizil.

Einen knappen Kilometer entfernt erhebt sich das ebenfalls 1996 eröffnete Allee-Center. Einkaufstempel auf mehr als 31 000 Quadratmetern Verkaufsfläche, knapp 90 Geschäfte plus Multiplex-Kino, für etwa 900 Beschäftigte ein wichtiger Arbeitgeber. Gerade wird die Shoppingmall neu gestaltet, im September runder Geburtstag gefeiert.

Von hier aus sind es weitere 900 Meter zur kompletten Gegenwelt: dem besagten Kolonnadengarten. Auf dem Weg begegnet Uwe Walther der früheren Erzieherin seines Sohnes Fredi in der Kita „Häschengrube“, Gabi Winkler. Seit 1985 lebt sie im Stadtteil. „In Grünau hast du nette und doofe Menschen, wie überall“, sagt die 70-Jährige. „Und deswegen gibt’s keinen Grund, woanders zu wohnen. Es lebt sich gut hier.“

Kurz darauf bleibt man erneut stehen und plaudert: Dieser Herr Walther kennt Hinz und Kunz, und der nächste Gesprächspartner heißt auch so. Gert Kunz, als 1946 Geborener in diesem Jahr ein weiterer Grünauer Jubilar, stellt sich schmunzelnd als „diensthabender Gärtner“ im Kolonnadengarten vor. In einer Art lakonischem Stolz erzählt er, wie Anwohnerinnen und Anwohner aus einer Abrissfläche ein kleines Paradies gezaubert haben. Anfang der 2000er Jahre wurden als Reaktion auf den hohen Leerstand mehrere Betonriesen „zurückgebaut“, wie es beschönigend genannt wurde. Auch hier, im WK 4 zwischen Mannheimer und der Alten Salzstraße.

2008 setzten sich Mieter für eine Umgestaltung ein, inspiriert von einem Forschungsprojekt. Mithilfe von Landschaftsarchitekten und der Wohnungsbaugenossenschaft Pro Leipzig entstand ein wundervolles Kleinod. Eine Pergola schmiegt sich an das Areal, es gibt Hochbeete zum Selbstgärtnern und eine „Duftschlucht“. „Grünau ist eben auch sehr grün“, betont Gert Kunz. „Ist es“, bestätigt eine Anwohnerin mit dem schönen Namen Bärbel Balsam. Die 81-Jährige hat hier Blumen angepflanzt und kümmert sich gerade um ihre kleine Parzelle. „Ich sitze doch nicht zu Hause, wenn es hier so herrlich ist“, sagt sie. „Schön wäre es, wenn sich noch mehr Jüngere hier einklinken würden.” So wie der Syrer namens Mahmoud, der hier eine Fläche nutzt und mithilft.

Neben dem Erholungsfaktor hat sich der Kolonnadengarten auch als Kulturort etabliert, beispielsweise für die Abschlusskonzerte des „Kultursommers“. Das Stadtteilfestival erstreckt sich über Flächen und Monate, steckt voller Konzerte, Theateraufführungen, Ausstellungen und Workshops.

Da gehen sie gerne hin, die Bärbels und die Mahmouds, die für Internationalität der Riesensiedlung stehen. Ein Schaufenster dafür ist der Platz vor dem Pep-Center, der in diesem Jahr umgestaltet werden und einen Namen bekommen soll. „Eigentlich“, sagt Uwe Walther, „kann er nicht anders als Wellner-Platz heißen.“

Walther meint Hans-Dietrich Wellner (1934-2013), der als Architekt und Stadtplaner Grünau maßgeblich mitgestaltet hat. Hier jedenfalls, zwischen den Läden am Ende der Stuttgarter Allee, ist die gewachsene Diversität besonders sichtbar. Den Platz vor dem Pep-Center kreuzen die Frau im Hidschab, der Basecap-Träger, die Studentin.

Nicht zu verschweigen: der alte Mann mit dem breitbeinig schwankenden Gang, den lange Alkoholkrankheit verursacht hat. Kein Geheimnis und plausibel, dass die Bevölkerungsstruktur eine andere ist als in Gohlis oder Schleußig.

Und ja, natürlich: Grünau ist auch „Au!“ ohne Grün: Im WK 4 an der Breisgaustraße gammelt ein Elfgeschosser vor sich hin. Hier entspricht die Tristesse dem noch immer gängigen Klischee des Stadtteils. Mit dem es nun wie weitergeht?

Architekten sehen in den verbliebenen Bauten spannende Möglichkeiten: als Muster für effizientere Nutzung von Wohnungen, ohne ständig neu bauen zu müssen. Für ihr Forschungsprojekt zumsogenannten „Nukleuswohnen“nutzen Studierende der Technischen Hochschule Aachen hier einen Gebäudetyp der Serie WBS 70. Bewohner haben eine kleine Kernwohnung, können aber je nach Lebenssituation Räume dazubekommen und wieder abgeben. Für diese Flexibilität werden die Wohnungen auf einer Etage miteinander verbunden. Der Test mit Probe-Bewohnern beginnt im Juni.50 Jahre nach der Grundsteinlegung könnte Grünau somit ein zweites Mal Impulse setzen als Stadtteil der Zukunft. Aber auch ohne „Nukleus“-Projekt steht außer Zweifel: Das Reduzieren auf die öde „Platte“ ist zu platt. Und wir haben noch nicht die Schönheitdes weitläufigen Robert-Koch-Parks mit seiner Sack‘schen Villa oder den Kulkwitzer See angesteuert. Nächstes Mal. und M. Daniel
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