Hauptsache, jemand hilft ...
Titelgeschichte: In Leipzig rettet eine App Leben – sie alarmiert Ersthelfer, die bei Herz-Kreislauf-Stillständenschneller als der Rettungsdienst eingreifen können / Mehr als 1500 Freiwillige sind schon registriert

„Ich war erst etwas erschrocken, weil die Patientin noch recht jung war“: Im vergangenen Sommer wurde Florian Garlet per App zu einer Reanimation gerufen.Foto: André Kempner
Leipzig. Enikö Orbán ist eine Lebensretterin. 16 Jahre lang hat sie als Krankenschwester auf der Intensivstation (ITS) am Klinikum St. Georg gearbeitet, war dort unter anderem pflegerische Transplantationsbeauftragte. Seit letztem Jahr kämpft sie in einer etwas anderen Rolle gegen den Tod.

Im Januar 2025 hat die Stadt Leipzig die „Region der Lebensretter“ gestartet: Ehrenamtliche Ersthelfer werden über eine spezielle App zu bestimmten Einsätzen gerufen, wenn sie sich in der Nähe eines abgesetzten Notrufs aufhalten. Sie können dann mit der Reanimation beginnen, bevor der Rettungsdienst vor Ort ist. Denn: Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zählt jede Minute im Kampf ums Überleben oder um bleibende Schäden zu vermeiden.

Der Verein„Region der Lebensretter“hatte sein System in einem Pilotprojekt in Freiburg/Breisgau getestet, dann vor allem Gebiete in Baden-Württemberg erschlossen sowie in Sachsen die Leitstellenbereiche Dresden/Elbland und Ostsachsen.

Enikö Orbán las davon und fand die Idee gut. Als das Projekt dann in Leipzig aufs Gleis gesetzt wurde, war klar, dass sie mitmachen will. Dabei arbeitet sie seit 2019 nicht mehr in der Klinik; Orbán ist heute Leiterin der Deutschen Heilpraktikerschule in Leipzig.

Den Qualifikationscheck meisterte sie problemlos; ihre langjährige Krankenhaus-Erfahrung kommt ihr bis heute bei den Ersthelfer-Einsätzen zugute. „Sobald sich die App meldet, weiß ich, was ich zu tun habe. Das schenkt mir in dieser Situation Sicherheit und innere Ruhe – selbst nach all der Zeit, in der ich nicht mehr auf ITS arbeite und es nicht mehr mein tägliches Brot ist.“

Innerhalb des ersten Jahres konnten in der Stadt Leipzig mehr als 1500 Ersthelfer gewonnen werden, die bislang zusammen zu über 200 Einsätzen ausgerückt sind. Enikö Orbán wurde bislang zehnmal alarmiert.

Das funktioniert so: Sofern sie sich nicht abmeldet, wird ihr Handy per GPS geortet. Wenn es einen potenziellen Herz-Kreislauf-Stillstand in ihrem Umkreis gibt, erklingt ein nicht zu überhörendes Signal. Die 46-Jährige kann den Einsatz dann entweder annehmen oder ablehnen. Sagt sie zu, erscheint die genaue Adresse im Display, und es geht los. Eine kleine Tasche steht immer griffbereit – auf der Arbeit im Zentrum oder zu Hause in Gohlis. Die meisten Rufe kamen in den vergangenen Monaten aus dem Leipziger Norden. Zuletzt meldete sich die App am 5. März. „Ich war schon im Feierabendmodus und hatte einen Jogginganzug an, ich bin sofort los.“

Fünf Minuten benötigte sie bis zum Einsatzort – eine Topzeit, die Leben retten kann. Und was sagen die Angehörigen, wenn nach dem Notruf als Erstes kein Sanitäter vor der Tür steht, sondern eine Frau im Sofa-Outfit? „Die registrieren gar nicht, wer da reinkommt“, erzählt Enikö Orbán, „denen ist bloß wichtig, dass da wer ist, der hilft.“ Das ist der zentrale Punkt: dass überhaupt jemand etwas macht nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand. Und zwar so schnell wie möglich. Enikö Orbán hat während ihrer Klinikzeit beides schon erlebt: die 45-Jährige, der niemand half, bis der Rettungsdienst nach zehn Minuten kam, und die nur mit schweren bleibenden Schäden überlebte. Und den 75-Jährigen, bei dem ein Passant sofort mit der Reanimation begann und der seinen Herzinfarkt am Ende gut überstanden hat. Dasselbe Geschehen, zwei Reaktionen und ein riesiger Unterschied in den Konsequenzen.

„Ich habe immer das Gefühl, dass ich gegen den Tod kämpfe“, bringt es Enikö Orbán auf den Punkt, „es ist ein wenig wie ein Wettkampf.“ Ein Wettkampf, den man aber natürlich erst einmal annehmen muss.

Das hat auch Florian Garlet getan. Er ist ausgebildeter Krankenpflegehelfer, war jahrelang bei der Freiwilligen Feuerwehr Leipzig-Ost und engagiert sich ehrenamtlich im Katastrophenschutz bei den Maltesern. Hauptberuflich arbeitet der 26-Jährige als Disponent für den Bereitschaftsdienst bei der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS). Dort hätten sich viele Kollegen für die App registrieren lassen. Der Reudnitzer erinnert sich noch gut an eine Reanimation, zu der er im vergangenen Sommer in die Nachbarschaft gerufen wurde. „Ich war erst etwas erschrocken, weil die Patientin noch recht jung war.“

Florian Garlet kam fast zeitgleich mit dem Rettungsdienst an, aber das war gut so: „Bei einer Reanimation ist Manpower wichtig.“ Wiederbelebung strengt an, je mehr Leute zum Abwechseln da sind, umso besser. Während Garlet sich gleich um die Herzdruckmassage kümmerte, legten die Sanitäter einen Zugang, kümmerten sich um die Beatmung, lösten ihn dann ab.

Enikö Orbán sind viele Reanimationen aus ihrem Berufsleben in Erinnerung geblieben. Wenn es gut geht, braucht sie keinen besonderen Lohn. Aber die Dankbarkeit der Angehörigen ist etwas, das hängen bleibt. Nach den ehrenamtlichen Einsätzen werden die Ersthelfer jedes Mal kontaktiert und bekommen psychologische Unterstützung angeboten. „Wir wissen ja vorher nie, in welche Situationen wir reinkommen“, erklärt Enikö Orbán, „aber es wird sich um uns gekümmert.“

In etwa einem Drittel aller bisherigen Ersthelfer-Einsätze in Leipzig waren diese vor dem Rettungsdienst zur Stelle. „Das ist schon mal sehr gut, aber hier gibt es noch Luft nach oben“, sagt Dr. Ralph Schröder, ärztlicher Leiter des Leipziger Rettungsdienstes. „Durch die Erhöhung der Anzahl potenzieller Ersthelfer kann die Quote weiter verbessert werden, damit wir mehr Menschen mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand noch schneller erreichen.“

Für die Stadt Leipzig sollen deutlich mehr als 2000 Ersthelfer gewonnen werden, sagt Schröder. „Wir werden den Prozess der Bewerbung und Rekrutierung weiter intensivieren. Insbesondere erhoffen wir uns eine größere Beteiligung aus Kliniken, Arztpraxen und weiteren Einrichtungen des Gesundheitswesens.“ Zudem soll die stadtweite Erfassung von Automatisierten Externen Defibrilatoren (AED) weiter vorangetrieben werden, damit die Ersthelfer diese möglichst oft mit in den Einsatz bringen können.

Florian Garlet und Enikö Orbán wünschen sich, dass mehr Menschen ihre Scheu ablegen, wenn um sie herum jemand Hilfe benötigt. „Man kann nichts falsch machen“, sagt die Krankenschwester, „es sei denn, man macht gar nichts.“ Ängste ließen sich gut mit einem Erste-Hilfe-Kurs abbauen. und B. Mein und e

Infos:

www.regionderlebensretter.de

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